Ein säkulares Land

Ehemaliges Staatskirchensystem belastet das Christentum noch heute

P. Ulf Jonsson SJ

Schweden gilt als eines der am meisten säkularisierten Länder der Erde. Schon seit langem pflegt man hierzulande zu sagen, dass Otto Normalverbraucher dreimal im Leben in die Kirche kommt; zu seiner Taufe, zu seiner Hochzeit und zu seiner Beerdigung. Doch selbst das gilt inzwischen schon länger nicht mehr. Die meisten Kinder werden heute nicht mehr getauft, Hochzeiten und Beerdigungen finden immer mehr im nicht-religiösen Kontext statt.

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Es ist nicht ganz einfach, Säkularisierung zu definieren. Manche denken an das schwindende Interesse für religiöse Fragen, andere an den Rückzug des Glaubens in die Privatsphäre oder an die Schwächung der Stellung der Religionsgemeinschaften im öffentlichen Leben. Den Schwedinnen und Schweden wird oft nachgesagt, dass sie eher in der Natur als im sakralem Raum nach Gott suchen würden. So eine Form von Religiosität bleibt aber schwer feststellbar. Wer nach greifbaren Zahlen religiöser Aktivitäten sucht, wendet sich religionssoziologischen Untersuchungen zu. Hier findet man präzise Angaben über die Teilnahmezahlen an verschiedenen Gottesdienstformen. Diese Untersuchungen bestätigen das Bild von Schweden als einem weitgehend säkularen Land. An einem durchschnittlichen Wochenende nehmen etwa 550.000 Personen in Schweden an einem Gottesdienst teil. Das sind sechs Prozent der Bevölkerung.

Die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher sind unter den verschiedenen religiösen Gruppierungen folgendermaßen verteilt: Fast die Hälfte von ihnen besuchen einen Gottesdienst der evangelisch-lutherischen Kirche, das heißt der ehemaligen lutherischen Staatskirche. Als zweitgrößte Gruppe kommen die evangelischen Freikirchen wie Baptisten, Methodisten und die Pfingstbewegung auf insgesamt 35 Prozent aller Gottesdienstbesucher. Auf die katholische Kirche entfallen 4,5 Prozent; das sind etwa 25.000 Personen. Unter den nicht-christlichen Religionen in Schweden ist der Islam die weitaus größte. Rund 22.000 Personen pflegen am Freitag die Moschee zu besuchen. Es mag hier auch hinzugefügt werden, dass von den sechs Prozent, die einen Gottesdienst besuchen, fast 20 Prozent zu einer religiösen Gemeinschaft gehören, die hauptsächlich aus Einwanderern besteht – wie zum Beispiel Muslime oder katholische oder orthodoxe Christinnen und Christen. Ohne diese aus anderen Ländern zugezogenen Gruppen würde die Zahl der regelmäßigen Gottesdienstbesucher/innen deutlich unter fünf Prozent der Gesamtbevölkerung liegen.

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Sechs Prozent Gottesdienstbesuch
Die Gründe für die starke Säkularisierung der schwedischen Bevölkerung sind vielfältig. Ein Faktor ist das strikte Staatskirchensystem, das mit der lutherischen Reformation im 16. Jahrhundert eingeführt wurde, und das formell noch bis zum Jahr 2000 Bestand hatte. Dieses System führte dazu, dass Religion bei vielen Menschen stark mit Zwang und Kontrollmechanismen in Verbindung gebracht wird. Jahrhunderte hindurch war der Pfarrer Hauptvertreter der Staatsmacht vor Ort. Er hatte dafür zu sorgen, dass die Bürger die Steuern zahlten, und leitete das Einwohnermeldeamt. So ist es auch verständlich, dass bis 1996 alle schwedischen Staatsbürger und -bürgerinnen aufgrund ihrer Geburt auch Mitglied der Staatskirche waren. Bis in die 1880er-Jahre war der sonntägliche Gottesdienstbesuch Bürgerpflicht. Nachdem diese Ordnung abgeschafft wurde, haben sich viele nicht mehr in der Kirche sehen lassen. Schon um 1920 kamen weniger als 15 Prozent der Bevölkerung zum Sonntagsgottesdienst.

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Die starke historische Identifikation von Kirche und Staatsmacht hat zweifellos die Entfremdung der Bevölkerung von Kirche und Religion vorangetrieben. Dazu kommt die schnelle Urbanisierung des Landes um die vorletzte Jahrhundertwende, wodurch große Teile der Bevölkerung die Einbindung in ihrem bisherigen religiös-sozialen Kontext verloren haben. In den schnell wachsenden Städten Schwedens waren die religiösen Gemeinden damals nicht imstande, die neu hinzugezogenen Bevölkerungsschichten zu integrieren. Insofern man gläubig war, hat man meistens den Weg in die Privatreligiosität gewählt.

Als dritter Faktor für die starke Säkularisierung kommt hinzu, dass im ersten Teil des 20. Jahrhunderts immer mehr religionskritische Bewegungen an Einfluss gewonnen haben, sowohl im politischen als auch im akademischen Bereich. Hier kann besonders der religionskritische Philosophieprofessor und Schriftsteller Ingemar Hedenius (1908–1982) genannt werden. Mit rhetorischem Geschick, viel Ironie und mit den damals modernen Argumentationsweisen der analytischen Philosophie hat er einen Generalangriff auf den christlichen Glauben gestartet. Hedenius verfügte über wichtige Kontakte in der Kulturelite und binnen weniger Jahre hat er eine Lawine der Religionskritik in Gang gesetzt, die nicht mehr zu stoppen war. Als Konsequenz hat Schweden den konfessionellen Religionsunterricht, und damit jeglichen Unterricht, der von einem religiösen Weltbild geprägt ist, abgeschafft und durch ein religionswissenschaftliches Fach ersetzt. Ebenso wurde an den Universitäten der Fachbereich Theologie durch den Fachbereich Religionswissenschaft ersetzt. Daneben war die später vollzogene Trennung von Staat und Kirche eine Frucht von Hedenius’ Wirken.

Zwischen neuem Atheismus und Wiederkehr der Religion
Die religiöse Lage in Schweden von heute lässt sich schwer auf einen Nenner bringen. Die große Mehrheit hat keine regelmäßigen Kontakte zu irgendeiner religiösen Gemeinschaft, obwohl rund 70 Prozent der Bevölkerung der evangelisch-lutherischen Kirche noch angehören. Die Abwesenheit von Religion in der Kultur, in der Schule und im öffentlichen Raum bleibt im Wesentlichen bestehen. In den letzten zehn bis 15 Jahren zeigt sich jedoch eine gewisse Veränderung. Erstens werden heutzutage religiöse Fragen in den Medien häufiger angesprochen und positiver dargestellt, als dies noch vor einem Jahrzehnt der Fall war. Und zweitens wird oftmals von zwei neuen Trends gesprochen: vom neuen Atheismus und von der Wiederkehr der Religion.

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Wenn jemand in den 70er Jahren eine der großen schwedischen Tageszeitungen durchblätterte, fand er kaum etwas zum Thema Religion. Es wurde zu den peinlichen Themen gerechnet, über die man in der Öffentlichkeit lieber schweigt. Seit Mitte der 90er Jahre hat sich aber in dieser Hinsicht eine gewisse Wende angebahnt. So publizieren nunmehr die beiden großen schwedischen Tageszeitungen »Dagens Nyheter« und »Svenska Dagbladet« regelmäßig Artikel zu existentiellen und religiösen Fragen. Auch im staatlichen Radio und Fernsehen gibt es ein nicht unbeachtliches Angebot an religiösen Sendungen. Besonders zeigt sich jedoch ein Trend im öffentlichen Raum: die Rede vom neuen Atheismus und vom Trend der Wiederkehr der Religion. Im letzten Jahrzehnt hat der atheistische Verein »Humanisterna« einen deutlichen Aufschwung erfahren. Mit dem dynamischen Leiter Christer Sturmark bekam der Verein viel Aufmerksamkeit in den Medien und entsprechend großen Zulauf. Durch die Übersetzung von ausländischen religionskritischen Büchern gelang es »Humanisterna«, ein stärkeres Bewusstsein für die problematischen Aspekte religiösen Glaubens zu schaffen. Dadurch wird in diesem neuen Atheismus heute Glaube oftmals mit Fundamentalismus und Fanatismus gleichgesetzt.

Jedoch zeigt sich zugleich als Gegenbewegung zum neuen Atheismus ein wachsendes Interesse am religiösen Glauben, besonders unter jüngeren Menschen. Untersuchungen stellen seit einigen Jahren fest, dass das Thema Religion in Schweden vor allem Menschen in den Altersstufen von 15 bis 30 Jahren zu interessieren vermag. Es handelt sich um eine langsame, aber sehr stetige Verlagerung der gesellschaftlichen Meinung gegenüber religiösem Glauben. Wer noch das alte Staatskirchensystem kennt, distanziert sich von Glaube und Kirche, während die junge Generation, die sich dem Glauben freiwillig nähern kann, eher von religiösen Themen angezogen wird.

Nicht zuletzt trägt die religiös geprägte Kultur von Kindern und Jugendlichen aus muslimischen Familien dazu bei, die Neugier auf die eigene vergessene religiöse Tradition zu wecken. Der angesehene Religionssoziologe Magnus Hagevi von der Universität Växjö spricht sogar von einer partiellen »Resakralisierung« der heutigen Jugendkultur in Schweden. Berechtigt kann man sagen, dass die Offenheit gegenüber Religion und Glaube unter jungen Menschen in Schweden heute größer ist als in der älteren Generation.

Hoffen auf einen neuen Frühling
Wo bleibt in dieser Situation die katholische Kirche? Zunächst am Rande. Die meisten Angehörigen der kleinen katholischen Minderheit sind Einwanderer oder Kinder von Einwanderern. Sie kommen aus aller Herren Länder. Bunt und vielfältig, aber oft in disparaten Kultur- und Sprachgruppen aufgesplittert, wird die katholische Kirche noch lange darum ringen müssen, wie sie in diesem Land als Glaubensgemeinschaft nach außen in die schwedische Gesellschaft missionarisch wirken kann. Bis jetzt war sie voll damit beschäftigt, sich einigermaßen um die vorhandenen Katholik/innen zu kümmern. Als Gegenkraft gegen die Säkularisierung der schwedischen Gesellschaft konnte sie bislang nicht auftreten. Hier und dort gibt es aber einige Blüten, die vielleicht auf einen kommenden Frühling hoffen lassen. Der Katholizismus entwickelt eine gewisse Anziehungskraft bei manchen Menschen. Jedoch hängt der größte Teil des Zuwachses der Katholik/innen von der Zahl der Einwanderer ab. Hier und dort gibt es Pfarreien mit Ausstrahlung, die nach außen hin anziehend wirken. Und die Gründung der ersten katholischen Hochschule in Schweden, das Newmaninstitut in Uppsala, stellt auch einen wichtigen Schritt im Inkulturationsprozess der Kirche dar. Ob die vielbesprochene Wiederkehr der Religion auch ein wachsendes Interesse für den katholischen Glauben mit sich bringt, muss sich noch zeigen. Eine Chance bietet sie aber sicher, die man nicht verpassen sollte.

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Dieser Beitrag wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken.

Flagge von Schweden

Schwedische Hymne

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Du gamla, Du fria („Du alter, Du freier...") ist die schwedische Nationalhymne. Die Melodie stammt aus einem alten Volkslied aus Västmanland. Richard Dybeck dichtete dazu 1844 den Text der ersten beiden Strophen. Die erste öffentliche Aufführung fand am 13. November 1844 bei einem Konzert Aftonunderhållning med nordisk folkmusik („Abendunterhaltung mit skandinavischer Volksmusik") statt.

mp3-Quelle: www.nationalanthems.info

Informationen

Amtliche Eigenbezeichnung
Konungariket Sverige (Königreich Schweden)

Hauptstadt
Stockholm

Amtssprache(n)
Schwedisch

Sonstige offizielle Sprachen
anerkannte Minderheitensprachen: Finnisch, Tornedalfinnisch, Jiddisch, Romani, Samisch, Schwedische Gebärdensprache

Sonstige Sprachen
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Anteile der Religionen an der Bevölkerung
77,2% Christen (71,3% Lutheraner, 3,2% andere Protestanten, 1,6% Katholiken, 1,1% Orthodoxe), rund 20% ohne Religion oder ohne Angabe, 2,7% Muslime, >1% Andere

Fläche
450.295 km²

Einwohner
ca. 9,3 Mio