Eine arme Kirche in einem reichen Land

Weite Wege, viele Sprachen, fester Glaube – in Norwegen ist eine kleine, internationale Diasporakirche im Wachstum

Von Stephan Ulrich Neumann

Polnisch, Englisch, Portugiesisch. Wer die kleine katholische Kirche der Pfarrei Unserer Lieben Frau in Porsgrunn betritt, findet im Eingangsbereich Gottesdienst und Gemeindeinformationen auch in seiner Sprache – zumindest wenn er zu einer größeren Einwanderergruppe gehört. Die 1.600 registrierten Katholik/innen in und um die südnorwegische Hafenstadt gehören etwa 80 verschiedenen Nationalitäten an. Entsprechend international sind auch die sieben Bankreihen am Sonntagmorgen ab 11 Uhr besetzt.

 

Pfarrer Reidar Voith. Foto: Klein

Pfarrer Reidar Voith steht in der durch das dunkle Holz, den roten Teppich am Boden und das warme Licht geradezu heimelig wirkenden Atmosphäre der Eucharistiefeier vor. Auch entlang der Seitenwände sitzen die Gläubigen, im hinteren Teil müssen einige stehen, andere haben sich Klappstühle mitgebracht. Die Liturgie ist schlicht, die allein vom Pfarrer ausgeteilte Mundkommunion wird selbstverständlich, teils kniend, empfangen und nach dem Gottesdienst tritt der 38-Jährige in Soutane und mit Birett vor die Kirche.

 

Konservativ im Glauben

In der Region Telemark – »dem Herzen Norwegens« – seien die Menschen besonders konservativ, sagt Pfarrer Voith. Im Volksbewusstsein habe der Katholizismus weitergelebt. Und das, obwohl bereits 1537 die Reformation vom damals herrschenden dänischen Königshaus flächendeckend eingeführt wurde. Heute gehören offiziell 82 Prozent der Norweger/innen der lutherischen Staatskirche an. »Die Gläubigen verstanden sich als Protestanten, verhielten sich aber wie Katholiken«, fasst Voith die norwegische Volksseele zusammen.»Eine arme Kirche in einem reichen Land« – mit dieser Formel begründen Bischöfe, Priester, Ordensleute und Gläubige, warum die Unterstützung des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken für die Kirche in der Diaspora Norwegens nach wie vor notwendig ist. Auch Reidar Voith hofft auf eine Finanzspritze für die dringend notwendige Drainage unter Kirche und Gemeindehaus und dankt für die Unterstützung aus Deutschland für sein Auto. Denn die 1.600 Gläubigen leben keineswegs alle in Porsgrunn. 100 Kilometer in die eine, 160 in die andere Richtung ist Voith zu den am weitesten entfernten der insgesamt fünf Kappellenstätten seiner Pfarrei unterwegs. Das bedeutet, er sitzt zwei bis drei Stunden pro Strecke im Auto, im Winter auch mal doppelt so lang.

Messfeier in Porsgrunn. Sonntagmorgens um 11 Uhr ist die Kirche voll. Foto: Klein

Weite Wege

Der schönste Gottesdienstort der Pfarrei ist die Stabkirche von Heddal nahe der Stadt Notodden. »Wir hatten bei der evangelischen Gemeinde angefragt, ob wir hier einmal im Monat Eucharistie feiern dürfen«, erzählt Jutta Harings-Bjørklid. Zu ihrer Überraschung stimmte die evangelisch-lutherische Gemeinde sofort zu. Wollten sie und ihr Mann nicht das Gefühl haben, weit und breit die einzigen Katholiken zu sein, mussten sie zuvor anderthalb Stunden mit drei Kindern im Auto zum Gottesdienst nach Porsgrunn fahren. Gerade die neun, elf und vierzehn Jahre alten Töchter erleben nun einmal im Monat, dass es in der Umgebung noch einige Familien gibt, die leben und glauben wie sie.

In der Stadt Notodden sind es vor allem Vietnamesen, die in den 80er Jahren als »boat people« geflohen waren. Doch im religionskundlichen Schulunterricht seien die Kinder die einzigen Katholiken und müssten sich oft gegen Vorurteile wehren. Die Mutter verschweigt nicht, dass sie sich oft allein fühlt mit ihren Glaubensfragen, gerade in einem so säkularen Land. Die Spiritualität ist stark auf die Feier der Messe ausgerichtet. Laien für die Feier von Wortgottesdiensten anzuleiten, lehnt Reidar Voith unumwunden ab: »Ziel ist es, dass jede Gemeinde eine priesterliche Betreuung hat.« Von der Bistumsleitung in Oslo erhofft er sich einen Kaplan oder die Teilung der Pfarrei. Der Generalvikar des Bistums Oslo, Arne Kirsebom, will dagegen stärker auf die Laien setzen. Er kann sich eine ähnliche Struktur von Basisgemeinden vorstellen, wie er sie drei Jahre lang in Argentinien erlebt hat. »Wir sollten die Gläubigen vor Ort begleiten, damit sie ihren Glauben feiern können und nicht nur auf den Priester warten.« Doch die jüngere Generation sei sehr priesterfixiert, weshalb Kirsebom bezweifelt, dass sich die Kirche in der norwegischen Diaspora in diese Richtung wandelt.

Arne Kirsebom, der Generalvikar des Bistums Oslo, vor der Kirche in Porsgrunn. Das Gotteshaus ist einer traditionellen Stabkirche nachempfunden. Foto: Herrmann

Übervolle Gottesdienste

Bereiten auf dem Land vor allem die Entfernungen Probleme, sind die beiden Kirchengemeinden in der Hauptstadt aufgrund der großen Zahl von Gläubigen, die in mehreren Einwanderungswellen nach Oslo gekommen sind, an die Grenzen ihres Fassungsvermögens angelangt. Dreizehn Sonntagsgottesdienste in St. Olav und sieben in St. Hallvard in Norwegisch, Englisch, Polnisch, Vietnamesisch, Tamilisch … Und trotzdem: Selbst bei Wind und Wetter stehen die Menschen bis auf die Straße, wie Bischof Bernt Eidsvig von Oslo nicht ohne Stolz berichtet. »Im Bistum Oslo leben etwa 220.000 Katholiken und Katholikinnen«, erklärt er. Erstaunlich. Denn statistisch gibt es gerade einmal 60.000 Katholik/innen im ganzen Land. Doch es werden nur jene als Angehörige einer anderen Religionsgemeinschaft gezählt, die das selbst oder über die Gemeinde offiziell eintragen lassen. Alle anderen gehören der lutherischen Staatskirche an. Die geschätzt 100.000 polnischen Einwanderer lassen sich oft nicht registrieren, weil sie es nicht wissen. Flüchtlinge aus anderen Ländern sind aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen in ihrer Heimat vorsichtig gegenüber Behörden. Doch gerade für die finanzielle Ausstattung ist die Zahl der registrierten Mitglieder bedeutend. Denn pro registrierten Gläubigen bekommt die Kirche Geld vom Staat, und zwar in gleicher Höhe wie die lutherische Staatskirche. Wer aber als Katholik/in nicht katholisch registriert ist, bleibt zunächst lutherisch. Der staatliche Zuschuss geht dann an die Staatskirche statt an die eigene Glaubensgemeinschaft. Deshalb informiert die katholische Kirche die Gläubigen nun offensiv darüber, wie sie sich registrieren lassen können, was mittlerweile zu einem jährlichen statistischen Zuwachs von bis zu zehn Prozent führt.

 

Eine Einwandererkirche

Die erfreuliche Entwicklung bedeutet aber auch, dass nach jeder Einwanderungswelle eine Mehrheit in eine Minderheit integriert werden muss. »Nach den Zahlen müssten wir uns in die polnische Kirche integrieren, und ich sollte der polnischen Bischofskonferenz angehören«, sagt Bischof Eidsvig und schmunzelt. Tatsächlich wurden jüngst polnische Priester nach Norwegen geschickt, um ihre Landsleute seelsorgerlich zu begleiten. Dabei kommt es durchaus auch zu Spannungen »Da sie sich vor allem um ihre Landsleute kümmern, sprechen sie kaum Norwegisch und sind dadurch nicht selten schlechter integriert als die Gläubigen«, sagt Generalvikar Kirsebom. Bei den Einwanderern gibt es jedoch eine Sehnsucht nach der eigenen Sprache, vertrauten Riten und Gebräuchen. Mit den Gottesdiensten in den Landessprachen kommt die Kirche diesem Bedürfnis nach. »Denn die religiöse Sprache bleibt die der Kindheit«, hat Bischof Eidsvig vielfach erfahren. Gleichzeitig ermöglicht die gleiche Liturgie Einheimischen wie Zugezogenen, auch an der Eucharistiefeier in einer fremden Sprache beizuwohnen. Es kommt zum Austausch, eine universelle Kirche entsteht, Menschen wachsen zusammen. Weltkirche wird in Norwegen auf engstem Raum erlebbar. »Katholische Zuwanderer haben keine Schwierigkeiten, sich hier zu integrieren. Eine Leistung, die vom Staat viel zu wenig anerkannt wird«, klagt Bischof Eidsvig. Die Mischung einer weltoffenen Kirche, die gleichzeitig ihre unabhängige, unverkennbare, in der Tradition verwurzelte Identität lebt, ist aber auch für Norweger/innen aus gebildeten Schichten attraktiv, weil sich die Staatskirche nach ihrem Geschmack dem staatlichem Druck und gesellschaftlichen Moden zu stark angepasst hat.

Auf den Lofoten, einer kleinen Inselgruppe rund 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, spiegelt sich Norwegen auf engstem Raum wider. Das gilt für die Landschaft: Steil ragen die felsigen, wolkenverhangenen Berge aus dem rauen Atlantik empor, tief eingeschnittene Fjorde und Buchten prägen die ausgefranste Küste. Das gilt aber auch für die kleine katholische Gemeinde. Nicht nur, dass hier der rhythmisch-wiegende Gospelgesang einiger Flüchtlingsfamilien aus Ruanda und dem Kongo auf die polnische Altarraumgestaltung von Pater Christian trifft. Sonntags um 12 Uhr – der späte Beginn ist den weiten Strecken geschuldet, welche die Gläubigen auf sich nehmen – versammeln sich auch unterschiedliche Konfessionen in der kleinen Kapelle. Der aus Amerika stammende Künstler Scott Thoe ist russisch-orthodox und die ehemalige norwegische Sozialministerin Guri Ingebrigtsen gehört der lutherischen Staatskirche an. Auch wenn sie nicht konvertieren will, setzt sie sich für die katholische Gemeinde ein, weil sie deren integrative Kraft schätzt.

Die Lofoten: eine Inselgruppe vor der Küste Norwegens, 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Foto: Klein
Wolkenverhangene Berge ragen auf den Lofoten aus dem Atlantik hervor. Foto: Meyer

Unkomplizierte Ökumene

Dieser unkomplizierte Umgang mit anderen Konfessionen beschränkt sich keineswegs auf die Gemeindeebene. Der Austausch mit den angehenden evangelischen Kolleginnen und Kollegen war für Bischof Eidsvig einer der ausschlaggebenden Gründe, eine eigene Priesterausbildung in Zusammenarbeit mit der evangelisch-freikirchlichen Fakultät in Oslo einzurichten. In Rom musste er sich rechtfertigen, weil die derzeit neun Priesteramtskandidaten auch bei evangelischen Professoren theologische Seminare besuchen.

 

Die Jugend stärken

Zurück auf die Lofoten: Grace Martinussen ist nach dem Gottesdienst ständig auf den Beinen, sorgt sich darum, dass beim Gemeindekaffee auch alle etwas zu essen und zu trinken haben. Die gebürtige Philippinerin hat fünf Kinder, zwei wohnen noch zu Hause. »Mein Sohn hat gesagt: Es ist immer dasselbe«, erklärt sie, warum sie alleine zum Gottesdienst gekommen ist. Diese Erfahrung hat sich auch bei ihren bereits erwachsenen Kindern gemacht. Verantwortlich dafür sei die säkulare Umwelt. Torbjørn Olsen, der Vorgänger des polnischen Zisterzienserpaters Christian, bestätigt, dass es bei allen positiven Entwicklungen auch Herausforderungen für die norwegische Kirche gibt. Trotz stetig steigender Gottesdienstzahlen verlieren auch die katholischen Gemeinden Mitglieder, vor allem unter den Jugendlichen. Die Jugend und die Laien zu stärken, darin sieht Olsen die Hauptaufgaben der nächsten Jahre. Sie bräuchten mehr Möglichkeiten, selbstorganisiert eigenes Leben in der Kirche zu gestalten. Gerade auch die erstaunlich gut integrierten Kinder aus den Einwandererfamilien könnten mithelfen, eine norwegische Identität der katholischen Kirche zu entwickeln, die aufgrund ihrer so unterschiedlichen Wurzeln gleichzeitig immer auch Weltkirche bleibt.

Der einzige katholische Buchladen Norwegens befindet sich im »katholischen Viertel« Oslos, in der Straße Akersveien. Foto: Herrmann

Woher kommen die Katholik/innen Norwegens?

  • Norweger 41,5 Prozent
  • übriges Europa 25,1 Prozent
  • Asien 19,8 Prozent
  • Amerika 9,8 Prozent
  • Afrika 3,6 Prozent
  • Ozeanien 0,2 Prozent

Nach Staaten geordnet:

  • Norwegen 41,5 Prozent
  • Polen 12,7 Prozent
  • Philippinen 9,5 Prozent
  • Vietnam 6,2 Prozent
  • Chile 4,8 Prozent
  • Sri Lanka 2,4 Prozent
  • Deutschland 1,8 Prozent
  • aus weiteren 179 Staaten der Erde 21,1 Prozent

Die Angaben richten sich nach der Anzahl registrierter Katholik/innen in Norwegen (zirka 60.000). Bezieht man die nichtregistrierten Katholik/innen in diese Berechnung mit ein, also auch die große Anzahl katholischer Arbeitsmigranten, übersteigt die Zahl der Polen die Zahl der Norweger fast um das Dreifache.

Kinder in der heiligen Messe: trotz weiter Wege – wie hier auf den Lofoten – kommen die Familien. Foto: Klein

Steigende Katholikenzahl

Die katholische Kirche war bis 1843 verboten. Danach hielt sich die ersten 140 Jahre die Anzahl der Katholik/innen auf geringem Niveau. Aufgrund der wirtschaftlichen Verhältnisse steigt die Katholikenzahl seit den 1970er Jahren durch Immigration überdurchschnittlich an. Lebten 1972 nur 10.000 Katholik/innen in Norwegen, hat sich die Anzahl der registrierten Katholik/innen bis heute mehr als versechsfacht. Hinzu kommen noch einmal bis zu 160.000 katholische Arbeitsmigranten, die Sonntagsgottesdienste besuchen möchten. Die Einwanderer kommen zumeist aus Polen, Vietnam, Lateinamerika, Sri Lanka und vom Balkan. Die verschiedenen nationalen Gruppen zeichnen sich durch große Treue zur Kirche aus. Sie prägen das Gemeindeleben. Die heimischen, norwegischen Katholik/innen sind meist in der Minderheit. Daraus ergibt sich die Schwierigkeit, dass oftmals die verschiedenen nationalen Gruppen zwar dasselbe Kirchengebäude nutzen, jedoch aber Schwierigkeiten haben, sich als Gemeinde zu verstehen. Eine wirkliche Integration der Einwanderer in die Kirche als Mehrheit in die Minderheit bleibt stets eine Herausforderung für die Katholik/innen in Norwegen. Die Kirche übernimmt wichtige Integrationsarbeit.

In Norwegen wird es das »achte Sakrament« genannt: Das Kirchencafé im Anschluss an die Sonntagsmesse. Foto: Klein

Dieser Beitrag wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken.

Flagge von Norwegen

Norwegische Hymne

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Ja, vi elsker dette landet (Ja, wir lieben dieses Land), ist der Titel der norwegischen Nationalhymne. Der Text wurde zwischen 1859 (erste Fassung) und 1868 vom späteren Literatur-Nobelpreisträger Bjørnstjerne Bjørnson in Riksmål, einer Sprachform der norwegischen Sprache verfasst. Die Melodie stammt von seinem Vetter Rikard Nordraak. Zum ersten Mal öffentlich gesungen wurde die Hymne am 17. Mai 1864 in Eidsvoll anlässlich der Feiern zum fünfzigsten Jahrestag der norwegischen Verfassung. Zuvor galt das patriotische Lied Sønner av Norge als Nationalhymne Norwegens.

mp3-Quelle: www.nationalanthems.info

Informationen

Amtliche Eigenbezeichnung
Kongeriket Norge (bokmål), Kongeriket Noreg (nynorsk) (dt. Königreich Norwegen)

Hauptstadt
Oslo

Amtssprache(n)
Norwegisch

Sonstige offizielle Sprachen
regionale Amtssprachen: Samisch, Finnisch

Sonstige Sprachen
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Anteile der Religionen an der Bevölkerung
86,8% Christen (82% Lutheraner, 3,7% andere Protestanten, 1,1% Katholiken), 1,6% Muslime, 11,6% ohne Angabe oder andere Religionen (Juden, Buddhisten u.a.)

Fläche
385.199 km²

Einwohner
ca. 4,7 Mio