Die „drei Generäle vom Paektusan“ und Joseph, Maria und Jesus

Ein Besuch in der einzigen katholischen Kirche Nordkoreas

Von Bernhard Seliger

Wenn man in die kleine Kirche hinkommt, sieht man hinter dem Altar ein Herz-Jesu-Bild, vorne rechts eine Madonna und in einem verschlossenen Schrank Gebetbücher der südkoreanischen katholischen Kirche – nichts an dieser Kirche ist wirklich besonders, außer die Adresse: wir sind nicht in einer der unzähligen kleinen katholischen Kirchen von Seoul, sondern in der St. Marien-Kirche im Chanchun-Bezirk, Pjönjang, Nordkorea, der einzigen katholischen Kirche Nordkoreas. Ja, in diesem Land, das regelmäßig in internationalen Bewertungen ganz unten in Bezug auf Religionsfreiheit bewertet wird, gibt es eine katholische Kirche – ein Art Kirche, zumindest.

Chol-Ung Kim, der sich Direktor der Gesellschaft der Katholiken (Nord-)Koreas nennt, sieht wie jeder andere Nordkoreaner aus: an seinem halbmilitärischen Anzug trägt er einen kleinen Button mit dem Bild des (1994 verstorbenen) „ewigen Präsidenten“, Staatsgründer Kim Il-Sung. Die katholische St. Marien-Kirche (bekannt unter dem Namen Changchun-Kirche), erklärt Kim, wurde am 2. Oktober 1988 eingeweiht. Der Staat hat 100.000 Won sowie ein freies Gelände für den Bau bereitgestellt, es hat auch zahlreiche Spenden von Katholiken aus aller Welt, darunter auch aus Südkorea, gegeben, wozu auch Möbel, andere Einrichtungen, Bibeln und Meßbücher sowie Bilder von Herz Jesu, Maria und Joseph gehören. Zur Einweihung sandte der Vatikan zwei südkoreanische Priester als Sondergesandte.

Die Zahl der nordkoreanischen Katholiken, so Kim weiter, betrage etwa 3000, in Pjöngjang kämen jeden Sonntag etwas etwa 200 Gläubige zur Kirche. Die Kirche ist neben der Gemeinde in Pjöngjang in eine östliche und eine westliche Abteilung gegliedert, die jeweils einen Direktor der Gesellschaft der Katholiken als Oberhaupt hat, keinen Priester, und wo sich die Gläubigen in Hauskirchen treffen. Die katholischen Gläubigen sind treu im Glauben und haben viel für das Vaterland und die Wiedervereinigung getan, so Kim. Seit dem Bau der Kirche werde dort sonntäglich Gottesdienst gefeiert, oft mit Priestern, die zu Besuch seien, sonst als Wortgottesdienst. Die Teilung des Landes sei sehr negativ, deswegen würden Gläubige in Nord- und Südkorea für die Wiedervereinigung beten. Im Jahr 2003 seien auch nordkoreanische Gläubige in Myongdong gewesen und es habe viele Besuche aus Südkorea gegeben, u.a. von Erzbischof Choi (Seoul), anderen Bischöfen und einmal sogar 43 Priestern. Auch andere prominente Besucher habe es gegeben, wie Billy Graham (amerikanischer Fernsehpriester) und der Misereorvorsitzende Prof. Dr. Sayer. Misereor habe viel für die Kirche getan, u.a. auch ein Projekt zur medizinischen Versorgung gestartet. Man wünsche sich aber eine weitere Verbesserung der Beziehungen. Man wünsche sich die Adressen der katholischen Bischöfe, um besser in Kontakt treten zu können, auch würde man sich über eine Unterstützung aus Deutschland freuen.

Die verschlafen-friedliche Atmosphäre in der Chanchun-Kirche wirkt unwirklich, wenn man sich die sonstige anti-religiöse Propaganda Nordkoreas vor Augen führt. Vor der Machtübernahme durch die kommunistische Arbeiterpartei unter Kim Il-Sung 1945 hatte Nordkorea als besonders christlicher Teil Koreas gegolten; Pjöngjang trug den Beinamen „Jerusalem des Ostens“. Auch wenn das wohl übertrieben war, war die Anzahl besonders der Christen groß in Nordkorea. In der Zeit nach 1945 wurden die Christen gnadenlos verfolgt, sogar der Besitz von Bibeln kann bis heute zur Verurteilung in Konzentrationslager führen. Im Kriegsmuseum des Landes finden sich heute noch Karikaturen, die katholische Mönche als amerikanische Agenten, Imperialisten und Kindermörder zeigt, die kleine Kinder aus purer Mordlust in Brunnen werfen. Seit den 1980er Jahren gibt zwar vier Kirchen in Pjöngjang, darunter je eine katholische und russisch-orthodoxe und zwei protestantische. Diese sind aber im wesentlichen Propagandainstrumente Nordkoreas, das wie jeder der früheren sozialistischen Staaten offiziell Religionsfreiheit gewährt, de facto aber religiöse Bestrebungen gnadenlos ausmerzt. Konsequenterweise gibt es auch keine offiziellen Beziehungen der katholischen Kirche zu der nordkoreanischen Gesellschaft der Katholiken.

Seit der Flüchtlingsstrom über die Grenze zu China zugenommen hat, gibt es eine rege Missionstätigkeit von südkoreanischen Priestern, hauptsächlich Protestanten, im Grenzgebiet. Deren Anzahl wird auch etwa 30 bis 40 geschätzt. Ihre Aktivitäten unterscheiden sich stark voneinander: Einige wollen die Flüchtlingen in China helfen, anderen helfen ihnen, nach Südkorea zu kommen, wieder andere bereiten sie auf einen Missionseinsatz in Nordkorea vor, der nicht selten mit dem Tod endet. Deshalb waren die Priester auch immer dem nordkoreanischen Geheimdienst ein Dorn im Auge und einige von ihnen wurden bereits Opfer von Mordanschlägen oder Verschleppungen. Trotz der Verfolgung scheint es so zu sein, dass das Christentum zum Teil im Untergrund überlebt hat. Nicht nur im Grenzgebiet auf chinesischer Seite, sondern auch in Nordkorea selber mehren sich die Berichte über die Existenz von sogenannten Hauskirchen. Diese sind im Untergrund agierende Kirchen. Statt Bibeln besitzen sie oft nur Abschriften einzelner Bibelausschnitte. Auch der Glauben wird nur in sehr verstümmelter Form weitergegeben und existiert oft auf einer zweiten seelischen Ebene neben einer vom Regime erzeugten Loyalität bzw. Anpassung. Die Situation ist allerdings noch paradoxer: Viele der Untergrundkirchen wurden offensichtlich vom nordkoreanischen Geheimdienst gegründet, um unsichere Elemente von vorneherein kontrollieren zu können. Die dafür angeworbenen Mitarbeiter des Geheimdiensts verraten die Mitglieder ihrer Kirchen, die dann verhaftet werden. Andererseits gibt es wiederum Berichte, wonach diese Geheimdienstleute selber nach einigen Jahren bekehrt werden und dann entweder zu Überläufern werden oder in einer regelrechten Doppelexistenz leben. Diese Berichte weisen schon darauf hin, welche auch psychologischen Verwerfungen das nordkoreanische Regime anrichtet und wie schwer es wird, diese Verwerfungen nach einer Öffnung des Landes zu heilen.

Wie ernst den offiziellen Katholiken Nordkoreas der Glaube ist, ist sehr schwer einzuschätzen. Sicher ist, daß die offiziellen Vertreter dieser Kirche besonders streng kontrolliert und ausgewählt werden und sicher ist, daß die Attraktion von Hilfen aus dem Ausland eine ihrer Aufgaben ist. Religionsausübung ist strikt reglementiert und eine Fassade, um Religionsfreiheit zu demonstrieren. Normale Nordkoreaner haben bereits eine Staatsreligion, die nordkoreanische Juche-Ideologie von Kim Il-Sung, die viele religiöse Züge trägt. Dies ist wohl kein Zufall, denn ein Onkel Kim Il-Sungs war protestantischer Pastor und von der Choreographie der Massenaufmärsche über die Verehrung von Reliquien (in Revolutionsmuseen oder Geschenkemuseen) bis zu einer heiligen Dreifaltigkeit (den sogenanten „3 Generälen vom heiligen Berg Paektusan“, Kim Jong-Il, dem derzeitigen Führer, sowie seiner Mutter und seinem Vater Kim Il-Sung, dem ewigen Präsidenten). Aber gleichzeitig ist es schwer zu sagen, ob der Glaube der jede Woche Gottesdienst Feiernden nur gespielt ist. „Gott geht oft krumme Weg,“ sagte mir eine deutsche Nonne, die seit vierzig Jahren in Südkorea lebt und dort einen florierenden Orden mit aufgebaut hat, der jetzt auch z.B. in China und Vietnam tätig ist. Vielleicht ist die Existenz einer katholischen Kirche in Pjöngjang ein solcher krummer Weg.

Dr. Bernhard Seliger ist Repräsentant der Hanns-Seidel-Stiftung in Korea und besucht regelmäßig Nordkorea. Im Mai 2011 besuchte er als Teil einer deutschen Delegation die Chanchun-Kirche.

 

Hintergrund Nordkorea

Der offizielle Name Nordkoreas lautet „Demokratische Volksrepublik Korea“ (DVRK), seine Hauptstadt ist Pjöngjang, sie hat ca. 2.0 Mio. Einwohner. Auf einer Fläche von 122.762 qkm  leben offiziell etwa 24 Millionen Menschen. Da Nordkorea seit Mitte der 1960er Jahre keine regelmäßigen Statistiken mehr veröffentlicht, und die Hungerkrise der 1990er die Bevölkerung möglicherweise erheblich dezimiert hat, ist diese Zahl aber ungewiss. Nordkorea ist in folgenden wichtigen internationalen Organisationen vertreten: UNO, UNCTAD, UNESCO, UNIDO, WHO.

Nordkorea hat nur zwei Nachbarn, China und Russland. Die Grenze im äußersten Nordosten zu Russland ist nur etwas mehr als 20 Km lang. Zu beiden Ländern bilden die Flüsse Yalu und Tumen die Grenze, die relativ durchlässig ist und inzwischen für tausende Migranten einen illegalen Übertritt möglich machte, obwohl der Grenzübertritt mit Lagerhaft geahndet wird. Beide Teile Koreas sind ungefähr in der Höhe des 38. Breitengrades durch die Demilitarisierte Zone getrennt, die undurchdringlich ist. Auf beiden Seiten sind wohl die größten Truppenansammlungen und Feldbefestigungen in der Welt zu finden.

Ebenso wie der Süden ist Nordkorea sehr gebirgig, so dass nur knapp ein Viertel des Landes landwirtschaftlich genutzt werden kann. Anders als Südkorea aber kann sich Nordkorea absolut nicht selber ernähren, weil die zentralistische Misswirtschaft, mangelnde Investitionsfähigkeit und ein desolates Vorrats- und Verteilungssystem keine ausreichende Basis dafür bilden. Zusätzlich sind die Witterungsbedingungen ungünstig, denn Überschwemmungen, Taifune, Trockenheit und sibirische Temperaturen im Winter reduzieren in erheblichem Ausmaß die Ernten. Aus eigener Kraft wird das Land nicht mehr in der Lage sein, diese Situation zu ändern, weil die gesamte Basis dafür weggebrochen ist: Energiemangel führt zu Düngermangel, das Saatgut ist geschädigt, das rigorose Abholzen der Wälder hinterlässt in Generationen nicht wieder gut zu machende Schäden.

Bis zum Ende der japanischen Besetzung 1945 hat die koreanische Halbinsel eine gleiche historische Entwicklung. Unter dem Einfluss des beginnenden kalten Krieges brachte die Sowjetunion den Norden des Landes unter seinen Einfluss und etablierte ein kommunistisches Regime unter Kim, Il-Sung. Dessen Machtanspruch (und die Zustimmung Stalins und Maos) führten von 1950 bis 1953 zum Bruderkrieg mit dem Süden, dessen Wunden bis heute nicht vernarbt sind. Nach dem Tode Kim, Il-Sungs 1994 übernahm dessen Sohn Kim, Jong-Il die Macht. Mit der Hilfe des Militärs beherrscht er total das Land, gestützt auf eine nach Autarkiestreben ausgerichtete kommunistische Ideologie, verbunden mit einem extremen Personenkult. Seine Regierung ist trotz der desolaten Ernährungslage und des wirtschaftlichen Kollapses völlig unumstritten. Kim, Jong-Il beherrscht alle Schlüsselfunktionen im Lande und übt ein diktatorisches Regime aus. Daran ändern auch zaghafte Reformschritte seit 1998, dem Höhepunkt der Hungerkrise, nichts. Die Nachfolgefrage für den alternden Diktator ist durch die Auswahl seines jüngsten Sohns Kim Jong-Eun als künftiger Herrscher gelöst; ob sie sich jedoch durchsetzen läßt, ist noch nicht sicher zu sagen.  

Bis zum Gipfeltreffen zwischen den beiden Staatsführern von Süd und Nord im Juni 2000 war der Umgang der beiden Teile Koreas miteinander von totaler Feindschaft geprägt. Danach waren über zehn Jahre Tendenzen hin zu einer friedlichen Koexistenz zu beobachten, die allerdings mit der Wahl einer konservativen Regierung in Südkorea wieder fraglich wurden. Triebfeder für eine weniger feindliche Verhaltensweise des Nordens ist die selbstverschuldete, absolute Notlage, die das Land an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat und seine politischen Möglichkeiten fast auf Null reduzierte. Das Beispiel der ehemaligen DDR nach der deutschen Wiedervereinigung vor Augen, schottete sich Nordkorea nach einer Aufweichungsphase 1991/1992 konsequenter denn  je von der Außenwelt ab. Das, ein lückenloses, brutales Überwachungssystem und der Personenkult führten dazu, dass trotz der fast aussichtslosen Situation das Regime fest im Sattel sitzt. Allerdings ähneln  die eingeleiteten Wirtschaftsreformen den Reformen der Zentralverwaltungswirtschaften Osteuropas vor 1989. Auch wenn sie scheitern, könnten sie langfristig größeren Druck für Veränderungen bewirken.

Die Nuklearkrise seit 2002, als nach amerikanischen Angaben Nordkorea die Existenz eines Atomwaffenprogramms zugegeben hat, das nach dem Genfer Abkommen von 1994 unzulässig ist, und die darauf folgende Eskalation, u.a. der Austritt Nordkoreas aus dem Nichtverbreitungsvertrag für Nuklearwaffen, führten wieder die Konfrontation Nordkoreas mit den USA vor Augen. Die Aggressivität Nordkoreas ist wohl dadurch zu verstehen, dass Nordkorea einen möglichst hohen Preis für das abermalige Einfrieren seines Atomprogramms erlangen will. Eine völlige Aufgabe erscheint angesichts der jahrzehntelangen Investitionen in das Atomprogramm unwahrscheinlich. Höhepunkt der Krise war ein Atomtest im Jahr 2006, auf den zwar im Februar 2007 ein Abkommen zum Beilegen der Krise im Rahmen der Sechser-Gespräche abgeschlossen wurde, das noch umfassender ist, als das Rahmenabkommen von 1994. Dies allerdings wurde nie umgesetzt und im Mai 2009 fand ein zweiter Atomtest Nordkoreas statt. Im vergangenen Jahr, 2010, versenkte Nordkorea nach Meinung einer internationalen Expertenkommission die südkoreanische Korvette Cheonan und 47 Seeleute fanden ihren Tod. Später, im November 2010, beschoß Nordkorea die nahe der Grenze gelegene südkoreanische Insel Yongpjong vor Nordkorea, wobei zwei Zivilisten und zwei Soldaten den Tod fanden. Damit besteht bei den Beziehungen von Süd- und Nordkorea wieder eine neue Eiszeit.

Nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen im Jahr 2001 sind die Beziehungen zu Deutschland im Rahmen des Möglichen als gut zu bezeichnen. Das Interesse an einer Aktivität der deutschen Stiftungen in Nordkorea ist, wie der Verfasser in Gesprächen mit nordkoreanischen  Politikern, bis hin zum Staatspräsidenten Kim Yong-Nam, feststellen konnte, ausgesprochen groß. Erste Pilotprojekte werden inzwischen durchgeführt. Falls die politischen Rahmenbedingungen es erlauben, d.h. zuallererst, falls die Nuklearkrise gelöst werden kann, liegt hier eine wichtige Aufgabe für die Zukunft. Durch die jahrzehntelange Abschottung Nordkoreas ist es zu einer kaum glaublichen Senkung des Lebensstandards, aber auch des Wissensstands der Nordkoreaner gekommen, so dass entwicklungspolitische Maßnahmen dringend notwendig wären.

Flagge von Nordkorea

Nordkoreanische Hymne

Get the Flash Player to see this player.

Ach’imŭn pinnara (auch Aegukka genannt) ist die Nationalhymne der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea). Bis 1947 hatte Nordkorea dieselbe Nationalhymne wie Südkorea, bevor es die heutige, neu komponierte Hymne annahm. Der Text ist von Pak Seyŏng (1902–1989), die Melodie wurde von Kim Wŏn'gyun (1917–2002) komponiert.

mp3-Quelle: www.nationalanthems.info

Informationen

Amtliche Eigenbezeichnung
조선민주주의인민공화국 bzw. 朝鮮民主主義人民共和國 (Chosŏn Minjujuŭi Inmin Konghwaguk, dt. Demokratische Volksrepublik Korea)

Hauptstadt
평양 (Pjöngjang)

Amtssprache(n)
Koreanisch

Sonstige offizielle Sprachen
--

Sonstige Sprachen
--

Anteile der Religionen an der Bevölkerung
Es gibt keine offiziellen Angaben oder verläßliche Schätzungen zur Religionszugehörigkeit in Nordkorea. Aufgrund der religionsfeindlichen Staatsideologie wird davon ausgegangen, dass die Mehrheit der Bevölkerung keiner Religion angehört.

Fläche
122.762 km²

Einwohner
ca. 23 Mio