Katholiken, Pfingstler und Scharia

Religion und Christentum in Nigeria

In Nigeria gibt es eine kaum überschaubare Vielfalt an religiösen Gemeinschaften. Der überwiegende Teil der Nigerianer/innen ist muslimischen Glaubens und lebt vor allem im Norden. Zwischen 40 und 48 % sind Christ/innen, die vor allem im Süden beheimatet sind. Der Rest bekennt sich zu einer traditionellen afrikanischen Religion. Obwohl nur ein Zehntel der Bevölkerung Naturreligionen angehören, sind die Übergänge zwischen ihnen und dem Volksislam, dem Christentum afrikanischer Kirchen und ihren lokalen Varianten fließend. Fetischismus und Ahnenkult spielen im nigerianischen Christentum und Islam eine große Rolle.

Power prayer in der Gemeinde von Sr. Petricia

Seitdem Nigeria 1999 demokratisiert wurde, verstärken sich Tendenzen der Islamisierung im ganzen Land. So wurde auf Druck islamischer Gruppen im Norden des Landes die Scharia, das islamische Religionsgesetz, eingeführt. Schwester Petricia Pitzl ist seit 2008 Noviziatsleiterin der Kongregation der Armen Dienstmägde Jesu Christi („Dernbacher Schwestern“) in Nigeria. Die Sozialpädagogin begleitet auch die dortige Arbeit ihres Ordens im pädagogischen Bereich. Sie berichtet über das Leben der katholischen Christinnen und Christen:

„Seit Oktober 2008 lebe ich in einem Dorf in Niger State, im Norden Nigerias, an der Grenze zum Territorium der Hauptstadt Abuja. Niger ist eines der Bundesländer, in denen die Scharia praktiziert wird, also vom Islam dominiert. Ich habe bisher keinerlei Beeinträchtigungen erlebt. Auch im Dorf habe ich bislang nichts dergleichen gehört. Das dürfte vermutlich anders sein in stärker muslimisch geprägten Städten und Dörfern. Das Dorf, in dem ich lebe, ist überwiegend christlich; ich schätze, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung muslimisch ist. Im Islam gibt es sehr unterschiedliche Strömungen hier im Land, von sehr radikal bis sehr liberal. Das wirkt sich natürlich auch auf die Interpretation des Korans und damit auf die Rechtssprechung aus. Die Gruppe Boko Haram etwa, die sich speziell gegen westliche Erziehung wendet und alle, die diese Auffassung nicht teilen, als Gegner sieht, gehört zu den extrem radikalen Gruppen.“

Dass der Islam in Nigeria deutlich vielschichtiger ist, als die erst 2002 gegründeten Boko Haram glauben machen wollen, zeigt etwa die Dichterin Nana Asma’u, unter deren Führung bereits vor 150 Jahren eine islamische religiöse Bewegung entstand, die sich die Weitergabe von religiösem sowie alltäglichem Wissen von Frauen an Frauen zum Ziel setzte. Heute gibt es eine Anzahl säkularer sowie religiöser Frauen, die sich als Aktivistinnen oder Akademikerinnen für Frauenrechte einsetzen.

Sr. Petricia Pitzl ADJC

Norbert Kößmeier, Diözesanreferent des internationalen katholischen Missionswerks missio im Erzbistum Freiburg und Chefredakteur der Fachzeitschrift „Forum Weltkirche“, bestätigt diesen Eindruck:

„Angriffsziel der radikal-islamistischen Gruppierung Boko Haram waren nicht Andersgläubige oder ethnische Minderheiten, sondern zunächst einmal ging es um eine Auseinandersetzung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft, die schließlich dazu führte, dass der Staat selbst angegriffen wurde.“

Die Radikalisierung sieht Kößmeier nur sekundär in religiösen Fragen begründet. Vielmehr wirke sich verhängnisvoll aus, dass die englische Kolonialmacht im Norden keine Schulen, Krankenhäuser und andere Einrichtungen gründete, mit denen die Grundlage für die Entwicklung des Ostens und Südens gelegt wurde:

„Während in den südlichen Landesteilen eine recht gut ausgebaute Infrastruktur gute Schulausbildung ermöglicht, leben schätzungsweise bis zu einer Million ‚Almajirai’, Koranschüler also, auf den Straßen der nördlichen Städte. Die Ungleichheit zwischen dem Norden und Süden des Landes birgt enormen Sprengstoff. Häufig bedarf es nur eines unbedeutenden Auslösers, um die Situation eskalieren zu lassen. Die Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit der Jugend im Norden, insbesondere auch der Hochschulabsolventen, die im Norden kaum eine Chance haben, einen entsprechenden Arbeitsplatz zu erhalten, verschärfen nur die Situation. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Mitglieder von Boko Haram als Ausdruck ihrer Ablehnung des herrschenden Systems ihre Hochschuldiplome in der Öffentlichkeit verbrannten.“

Entsprechend wenig attraktiv ist es für Priester aus dem Süden, in den Norden zu gehen. Schwester Petricia:

„Unsere Pfarrgemeinde St. Michael ist jung, besteht seit gerade fünf Jahren. Der Priester, der 2009 kam, war erst ein Jahr geweiht. Er ist für zwei wachsende Pfarreien zuständig und für neun Außenstationen, deren Zahl ebenfalls zunimmt. Im Norden Nigerias ist die Situation für viele Priester ähnlich. Priester aus dem überwiegend christlichen Süden und Westen sind kaum bereit, in den Norden zu gehen. Die Priester wie auch die Katechetinnen und Katecheten leben von den Kollekten, die nicht sehr üppig ausfallen, weil die Menschen hier selbst nicht viel haben. In der Regel sind in jeder Sonntagsmesse zwei Kollekten, oft drei, je nachdem, was in der Pfarrei zu bestreiten ist. Ich staune immer wieder, wie viel bei den Kollekten aufgebracht wird.“

Die römisch-katholische Kirche hat in Nigeria etwa 19 Millionen Mitglieder (14% der Bevölkerung). Der Protestantismus ist vor allem durch die anglikanische „Church of Nigeria“ vertreten. Sie zählt etwa 17 Millionen Mitglieder und ist damit nach der „Church of England“ die zweitgrößte Provinz der anglikanischen Gemeinschaft. Darüber hinaus existieren in Nigeria unabhängige afrikanische Kirchen, die nach Schätzungen ca. 15 Millionen Anhänger haben. Die am stärksten wachsende Konfession sind jedoch die Pfingstkirchen. Ihre Mitgliederzahlen sind schwer zu bestimmen, da ihre Mitglieder häufig nicht registriert sind und daher organisatorisch einen eher lockeren Zusammenhang bilden. Ungefähr 3,5 Millionen Nigerianerinnen und Nigerianer bekennen sich zur Baptistischen Kirche. Die „Presbyterian Church of Nigeria“ hat etwa eine Million Mitglieder, während die „Methodist Church“ zwei Millionen Mitglieder hat.

Auch die katholische Gemeinde in dem kleinen Dorf von Schwester Petricia wächst:

„Während in Deutschland Kirchen abgerissen oder umgewidmet werden, werden hier neue Kirchen gebaut. Weil unsere Dorfkirche zu klein geworden ist, wurde Mitte vergangenen Jahres ein Erweiterungsbau begonnen. Mit dem Bau ist nicht etwa eine Firma beauftragt; er wird von den Mitgliedern der Pfarrei mit Hohlblocksteinen hochgezogen. Die Steine werden auch selbst hergestellt. In Nigeria stehen keine Mittel aus einer Kirchensteuer zur Verfügung, so muss die Kirche andere Wege suchen. In den Gottesdiensten sind immer wieder Aufrufe, sich mit am Bau zu beteiligen. Die Katholikinnen und Katholiken müssen alle Mitglied in einer der Vereinigungen sein: Frauenverein, Männerverein, Jugendgruppe, Kirchenchor, Bibelgruppe, Rosenkranzgruppe, Vinzenz-Verein, charismatische Vereinigung und was es sonst noch gibt. Die Treffen dieser Gruppen sind oft am Sonntag nach der Messe.“

Trotz des Wachstums sieht Schwester Petricia die kirchliche Situation in ihrer Umgebung nicht immer nur positiv. Vor allem das Erstarken traditionalistischer Kirchlichkeit, die sich in einer starken Abhängigkeit der Gläubigen von den Priestern äußert, sieht sie durchaus kritisch. Ihr Fazit:

„Ich erlebe 'junge Kirche' nicht immer so erfreulich, wie sie oft von denen dargestellt wird, die für kurze Zeit zu Besuch kommen. Doch es ist viel Potential da, und wenn die Amtskirche die Laien ernst nimmt, kann viel wachsen.“

Siehe auch:
Arbeitshilfe 179 der DBK

Länderprofil Nigeria bei Open Doors

Flagge von Nigeria

Nigerianische Hymne

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Seit 1978 ist Arise, O compatriots, Nigeria’s Call Obey 1978 die offizielle Nationalhymne von Nigeria und ersetzte im Jahre 1960 die Nationalhymne Nigeria We Hail Thee. Die Musik wurde vom Leiter der nigerianischen Polizeimusikgruppe Benedict Elide Odiase komponiert.

mp3-Quelle: www.nationalanthems.info

Informationen

Amtliche Eigenbezeichnung
Federal Republic of Nigeria (engl.), Njíkötá Óchíchìiwù Naíjíríà (Igbo), Àpapọ̀ Olómìnira ilẹ̀ Nàìjíríà (Yoruba), جمهورية نيجيريا (Haussa), Republik Federaal bu Niiseriya (Fulfulde) (Bundesrepublik Nigeria)

Hauptstadt
Abuja

Amtssprache(n)
Englisch

Sonstige offizielle Sprachen
anerkannte Nationalsprachen: Igbo, Yoruba, Haussa

Sonstige Sprachen
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Anteile der Religionen an der Bevölkerung
50,4% Moslems, 48,2% Christen (15% Protestanten, 13,7% Katholiken, 19,6% andere Christen), 1,4% Andere

Fläche
923.768 km²

Einwohner
ca. 152 Mio