Von Ralf Hirsch, Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde deutscher Sprache in Mexiko St. Thomas Morus
In einem ersten kirchlichen Blick könnte man meinen, Mexiko sei das Land der Verheißung – fast 90 % KatholikInnen, reiche Schätze kirchlicher Tradition und Volksfrömmigkeit, volle Kirchen, zahllose Sakramentenfeiern.
Das ist eine Seite der Medaille. Die andere ist zum Beispiel: Mexiko ist ein Land, in dem oftmals Armut, Korruption, Perspektivlosigkeit vieler Menschen und die daraus resultierende gewalttätige Macht des Drogenhandels das Bild einer Gesellschaft prägen, die zusammenzubrechen scheint. In Teilen der Bevölkerung macht sich eine „Rette sich, wer kann“-Mentalität breit: fluchtartig und illegal auswandern in die Vereinigten Staaten von Nordamerika – so die Version der Unterschicht. Studieren, arbeiten und legal auswandern in und nach Kanada, Europa und vielleicht die USA ist die Version der Mittel- und Oberschicht; die es können, gehen auch gerne mal shoppen in McAllen oder Austin, Texas.
Fehlende Ausbildungsstrukturen, ein zusammenbrechendes Sozialsystem, die schmerzhaft erfahrene Begrenzung des „Reichtums“ aus den Ölquellen bedrängen die Gesellschaft – und natürlich auch, wie hemmungs- und rücksichtslos Reichtum inmitten dieser Wirklichkeiten gelebt wird. Dass wir als katholische ChristInnen und auch institutionell als Kirche eine klare Position zugunsten der Ärmsten und zugunsten der Opfer von Gewalt, aber auch Ausbeutung einnehmen und in diesem Sinne Wege der Hoffnung gehen, stellt gelinde gesagt eine Herausforderung dar.
Ein weiterer Aspekt, von dem viele nichts wissen oder an den sie sich nicht mehr erinnern wollen: In Mexiko fand Anfang des 20. Jahrhunderts eine massive Verfolgung der katholischen Kirche aus politischen Gründen statt, der etwa 20.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Bis heute ist die Trennung von Kirche und Staat massiv und durchdringend, was vor allem in der weitreichenden Unzugänglichkeit des Schulwesens für alle Formen von Religionsunterricht, im massiven Verbot jeder politischen Stellungnahme für VertreterInnen der Kirche und einer aktuell zwar aufgehobenen, in den Konsequenzen früherer Jahrzehnte aber massiv greifbaren Enteignung der Kirche zum Ausdruck kommt: Die bis 1989 erbauten Kirchen sind ausnahmslos im Staatsbesitz.
So kommt es, das zwar in der Tat ein extrem hoher Prozentsatz der Bevölkerung der katholischen Kirchen angehört, aber die religiöse, spirituelle Bildung ausschließlich im Umfeld der Familien und der Kirchengemeinden oder kirchlicher Institutionen stattfindet – und damit manche wichtigen Impulse und Vertiefungen fehlen.
Zudem muss man festhalten, dass die Verbindung mit der katholischen Kirche für sehr viele Menschen in allererster Linie über die Jungfrau von Guadalupe erfolgt („no todos somos católicos, pero todos somos guadalupanos“ – „Nicht alle sind katholisch, aber alle gehören der Jungfrau von Guadalupe“). Das ist einerseits ein großer spiritueller Reichtum, der mit zahlreichen gesegneten Statuen, Bildern, Prozessionen, Wallfahrten usw. verbunden ist, andererseits drohen wichtige Bezugspunkte einfach auszufallen, ja der Glaube sich in Richtung Aberglaube und Magie zu verflüchtigen.
Unsere Liebe Frau von Guadalupe, Papst Johannes Paul II. und Mutter Teresa von Kalkutta sind die drei populärsten religiösen Leitgestalten. Aber daneben wächst der Kult der Santa Muerte (des „heiligen Todes“), einer zwischen katholischer Heiligenverehrung und indigenen Kulten angelegten Verkörperung des Todes, die in weiblicher Gestalt eines Skelettes verehrt wird – vor allem von Menschen, die unmittelbar im Brennpunkt der ausufernden Gewalt in Mexiko leben. Das hat nichts mit Christentum oder katholischer Kirche zu tun, aber setzt da an, wo es uns als Kirche leider oft nicht gelingt, Fuß zu fassen: in der Herausforderung, spirituell persönliche Hoffnung, Trost, Zuversicht und Orientierung zu schenken, die Vertröstungen und magischen Aberglauben hinter sich ließen.
Nichtsdestoweniger: Es ist schön, in Mexiko katholisch zu sein.
Wer schon einmal mit einer gutgelaunten und warmherzigen Gemeinde, die die ganze Kirche bis zum hintersten Platz ausfüllt, Sonntagsgottesdienst gefeiert hat, weiß, was ich meine. Für die Menschen, die jetzt hier zusammenkommen – so kann man den hoffnungsvollen Eindruck haben, – stimmt es einfach, was sie feiern und tun – und es wird nicht aufhören zu stimmen, wenn sie die Kirche wieder verlassen.
Wenn man im Umfeld einer Gemeinde die Bereitschaft spürt, sich aus dem Glauben heraus für die/den (unbekannte/n) Nächste/n zu engagieren und die – vor allem im Guten, manchmal aber auch begrenzend im Problematischen sich äußernde – Familienorientierung zu übersteigen, dann vibriert Hoffnung für diese Gesellschaft.
Wenn eine ganze Polizeiwache schwer bewaffneter Soldaten ihre Waffen in die Ecke wirft, um gemeinsam am 12. Dezember in aller Frühe der Virgen de Guadalupe an ihrem Tag zu huldigen, und man merkt, wie Angst und Entschlossenheit, Verzweiflung und gute Absichten vor Gott gebracht werden, kann man sich dieser Dynamik kaum entziehen.
Wenn viele junge Paare kirchlich heiraten wollen und durchaus im bewussten Gegensatz zu vielen Zeitströmungen ihre Ehe aus ihrem Glauben heraus verstehen: ein Zeichen auf Zukunft hin.
Es mag naiv oder schlimmer klingen: Aber solange die Mexikanerinnen und Mexikaner nicht aufhören, nach ihrem Gott zu rufen – und sie werden es vor allem auf dem Weg der ihnen auf dem Tepeyac erschienenen Gottesmutter Maria tun, die so in besonderer Weise zu der ihren geworden ist –, kann und will ich mir nicht vorstellen, dass Armut, Ungleichheit, Chancenlosigkeit, Gewalt und Unrecht die Oberhand über dieses an Menschen und Möglichkeiten in jeglicher Hinsicht so reiche Land gewinnen. Wir sollten, wo wir können, den Menschen in Mexiko helfen, ihren Glauben an Gott, an das menschliche Leben und an sich selbst nicht zu verlieren, sondern zu vertiefen.
Als kleine Gemeinde deutschsprachiger KatholikInnen können wir hier in St. Thomas Morus, Mexiko-Stadt, vielleicht einen kleinen Beitrag des miteinander geteilten Lebens, der gemeinsam entfalteten Hoffnung, der miteinander im Glauben überwundenen Angst leisten. Wer sich hier als ausländischer Christ aufhält und Glauben und Leben teilt, anstatt sich professionell abzuschotten, bringt ein kleines Element der Hoffnung in dieses Land. Aber das ist bestimmt kein Privileg dieser Gemeinde: Jeder, der nicht einfach nur die erschreckenden Nachrichten aufnimmt und sich abwendet, sondern im Gebet, im Gedenken und gegebenenfalls in seiner Form, dieses Land zu bereisen und wertzuschätzen, ein kleines Stück Mitverantwortung für diesen Teil der Welt übernimmt, wird bald in seinem Herzen oder auch sehr lebensweltlich-konkret das Urwort der mexikanischen Gastfreundschaft und Verbundenheit vernehmen: „Mi casa tu casa.“ Und das stimmt im tiefsten Sinne ja auch.
Siehe auch:
Ländervorstellung Mexiko bei adveniat
Himno Nacional Mexicano ist seit 1943 die offiziell bestätigte mexikanische Nationalhymne, sie wurde allerdings vorher bereits seit 1854 offiziell genutzt. Der Text, der über die mexikanischen Siege berichtet und zur Verteidigung des Landes ruft, wurde von dem Dichter Francisco González Bocanegra im Jahr 1853 geschrieben, während er von seiner Verlobten in einem Raum eingesperrt war. Die Musik entstand 1854 durch den Komponisten Jaime Nunó zum Text von Bocanegra.
mp3-Quelle: www.nationalanthems.info
Amtliche Eigenbezeichnung
Estados Unidos Mexicanos (Vereinigte Mexikanische Staaten)
Hauptstadt
Ciudad de México (Mexiko-Stadt)
Amtssprache(n)
Spanisch
Sonstige offizielle Sprachen
anerkannte Nationalsprachen: 62 indigene Sprachen
Sonstige Sprachen
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Anteile der Religionen an der Bevölkerung
94,5% Christen (87% Katholiken, 7,5% Protestanten), 3,5% ohne Religion, 2% Andere oder ohne Angabe
Fläche
1.972.550 km²
Einwohner
ca. 112 Mio
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