Von Stefan Wilnius
"Ich interessiere mich nicht für Fußball." Welch ein ungeheuerlicher, ja unglaublicher Satz. So gefallen in Brasilien. Ausgerechnet. Brasilien. Und in dem an Fußballclubs so überreichen São Paulo. Was er denn damit eigentlich meine, stottert der verstörte Fahrgast im Taxi. Er sei doch Brasilianer. Doch der Taxifahrer lässt sich nicht beirren, beharrt auf seiner Ablehnung und begründet diese zwischen Hupen, Spurwechseln, Bremsen und kurzen Gesprächen an zwei Handys in einem 20-minütigen detaillierten Schimpfvortrag über Vereine, Spieler, Spielstände, Tabellenplätze, Meisterschaften, Trainer und Trainerwechsel und überhaupt die guten alten Zeiten mit Pelé und Garrincha usw. usw. usw. "Ich interessiere mich nicht für Fußball", erinnert sich der Fahrgast beim Aussteigen und ihm schwant, wie es ist, wenn Brasilianerinnen und Brasilianer sich erst für diesen Ballsport interessieren, der in Brasilien mehr, viel mehr ist als die schönste Nebensache der Welt. Fußball ist alles. Brasilien ist Fußball.
"Fußball spielt man in der Seele", dichtete der brasilianische Poet Carlos Drummond de Andrade (1902-1987), der an Rios Copacabana als lebensgroße Bronzefigur, den azurblauen Atlantik im Rücken, auf einer Bank weilt. Ihm verdanken die Brasilianer lyrische Lobgesänge auf den "Futebol", den Fußball, und wunderbare Aphorismen über Sieg und Niederlage auf dem Rasen. "Verlieren ist eine Form des Lernens", sagte er einmal. "Und Gewinnen ist eine Form, das zu vergessen, was man gelernt hat." In Brasilien werden Siege vielleicht intensiver empfunden und gefeiert und Niederlagen tiefer und einsamer erlitten als anderswo auf der Welt. Wer die Seele Brasiliens verstehen will, muss um den Rekordstolz der fünf WM-Titel wissen, aber auch um das nationale Trauma des "Maracanaço".
Letzteres fühlt, hört und sieht man am besten in einem kleinen, dunklen Raum in den Katakomben des Pacaembu-Stadions in São Paulo. Dort wird die bittere Erinnerung an die Niederlage im WM-Finale von 1950 in Rios Maracanã-Stadion wach gehalten. Dröhnende, im Herztakt wummernde Basstöne empfangen dort die Besucherinnen und Besucher, deren Puls automatisch höher schlägt. Schwarz-Weiß-Bilder flackern über die Leinwand. «Wir brauchen nur ein Unentschieden für unseren Sieg», kommentiert eine sonore, zuversichtliche Stimme die Schicksalspartie gegen Uruguay. 1:0 für Brasilien. «Der Pokal ist unser.» Ausgleich, 1:1. «Der Pokal ist unser. Noch.» 2:1 für Uruguay. «Das Herz Brasiliens steht still.» Eine Tragödie, ein tiefer Schmerz, den selbst fußballferne Besucher erahnen.
"Fußball ist für uns eine nationale Leidenschaft. Wir sind 190 Millionen Trainer", beschrieb Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, selbst glühender und bekennender Anhänger des Erstliga-Clubs Corinthians São Paulo, einmal den ausgeprägten Hang seiner rund 190 Millionen Landsleute, vor oder nach Spielen oder Turnieren über Trainer, Aufstellungen und Spieltaktik ausgiebig zu fachsimpeln. Während der Partien ist "Graças a Deus" (Dank sei Gott) eine der meistgehörten Wortkombinationen auf den Tribünen der Stadien. Wenn dem eigenen Team ein Tor, ein "Gol", gelingt, ein gewagter Pass ankommt, sich ein Stürmer nach einem Foul wieder aufrappelt oder dem Gegner der Ausgleich versagt bleibt - dann richten sich die Blicke dankbar nach oben. "Graças a Deus."
Vor wichtigen Partien pilgern viele Fans auch kurz in die Kirche, um Stoßgebete und Beistandsbitten für den rechten Ballverlauf zum Himmel zu schicken. Auch das gehört zu Brasilien. Viele Spieler sind tiefreligiös, ob sie nun einer der rasch wachsenden Pfingstgemeinden oder der katholischen Kirche angehören. Das Kreuzzeichen vor, während und nach dem Spiel ist für viele fester Bestandteil einer Partie. Als der torgefährlichste Torwart der Welt, der Brasilianer Rogério Mücke Ceni, Ende März in São Paulo mit einem Traumfreistoß den 100. Treffer seiner Karriere erzielte, wusste er, wem er diesen historischen Rekord zu verdanken hat: "Es ist ein Geschenk Gottes. Es gibt Tage, da schaut er auf Dich." Das muss man den Brasilianer/innen nicht erst erklären, glaubt und weiß doch ohnedies jeder in dem Land: "Gott ist Brasilianer."
Doch sind es nicht nur die paar Stunden Freude am Wochenende, die der Fußball den Fans schenkt. Gerade die Jungen träumen beim Toreschießen auf staubigen Ascheplätzen auch vom glitzernden Aufstieg aus armen und ärmsten Verhältnissen. Viele haben es vorgemacht. Romário etwa oder auch Adriano stammen aus Favelas, den Armenvierteln Rio de Janeiros, wo sie wie Helden verehrt werden. Seit Monaten wird der kometenhafte Aufstieg des gerade 19 Jahre alt gewordene Shooting-Stars Neymar gefeiert, der bei Pelés Ex-Club Santos spielt und Millionen verdient. Und wenn der Traum schon für einen selbst nicht wahr wird, dann fiebern und fühlen die Fans mit ihren Idolen, die ihre Sprache sprechen, und der Nationalmannschaft, der Seleção. Jedes Tor und jeder Titel schmeichelt der Seele Brasiliens. Das wissen auch die Nationalspielerinnen um die fünffache Weltfußballerin Marta, die bei der Frauen-Fußball-WM in Deutschland auf Titeljagd gehen.
Siehe auch:
Ländervorstellung Brasilien bei adveniat
Die Musik der brasilianischen Nationalhymne Hino Nacional Brasileiro wurde 1822 von Francisco Manuel da Silva (1795–1865) anlässlich der Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal komponiert. Obwohl das Stück während des Brasilianischen Kaiserreichs (1822–1889) niemals den Status einer offiziellen Nationalhymne hatte, wurde es sehr populär und meist ohne Text gespielt. Nach der Ausrufung der Republik 1889 gewann 1909 der noch heute gültige Text von Joaquim Osório Duque Estrada (1870-1927) in einem nationalen Wettbewerb und wurde 1922 zur offiziellen Hymne des Landes erklärt.
mp3-Quelle: www.nationalanthems.info
Amtliche Eigenbezeichnung
República Federativa do Brasil (Föderative Republik Brasilien)
Hauptstadt
Brasília
Amtssprache(n)
Portugiesisch
Sonstige offizielle Sprachen
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Sonstige Sprachen
indigene Sprachen, Deutsch, Italienisch, Japanisch, Koreanisch
Anteile der Religionen an der Bevölkerung
89% Christen (73,6% Katholiken, 15,4% Protestanten), 7,4% ohne Religion, 3,6% Andere (Spiritismus, Zeugen Jehovas, Mormonen, Buddhisten, Juden, Muslime, Hindus, afro-brasilianische Religionen)
Fläche
8.514.215 km²
Einwohner
ca. 194 Mio
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