Von Susanna Hoke
Früher wurde sie oft für einen Jungen gehalten, ihrer kurzen Haare wegen. Da konnte sie noch ungestört im Park kicken, ganz öffentlich, ohne Schleier. Wenn sie nur ihr Basecap tief in die Stirn zog und den Reißverschluss ihrer Trainingsjacke bis oben hin zu. Wäre sie als Frau erwischt und angezeigt worden, was wäre dann passiert? „Schlimme Dinge“, sagt Niloofar nur und rührt weiter in ihrem Tee, an diesem sonnigen Vormittag in einem Kreuzberger Café. Ein scheues Lächeln huscht über ihr Gesicht, die junge Iranerin kennt diese Fragen und beantwortet sie lieber so knapp wie möglich.

Niloofars Geschichte beginnt 2005. Da ist sie 20 Jahre alt, studiert Grafikdesign und spielt Fußball in der iranischen Frauen-Nationalelf, die es da gerade mal ein Jahr gibt. Die jungen Frauen sind trainiert, aber noch nie gegen ein Team aus dem Ausland angetreten. Die deutsche Filmstudentin Marlene Assmann und der iranische Filmemacher Ayat Najafi wollen das ändern und organisieren ein Freundschaftsspiel zwischen dem Kreuzberger Bezirksligaverein BSV AL-Dersimspor und der iranischen Nationalelf. In einem Land, wo das Kopftuch mehr gilt als das Spiel, ist das ein ehrgeiziges Ziel. Und ein hochpolitisches.
Humorvoll und sensibel erzählt ihr preisgekrönter Film „Football Under Cover“ von Hoffnungen und Träumen, Ängsten und Vorurteilen, von Behördenwillkür und Hilfe in letzter Sekunde. Das Projekt droht zu scheitern, aber die Macher bleiben hartnäckig: Obwohl Zusagen nicht eingehalten und Spieltermine vom Sicherheitsministerium mehrmals verschoben werden, fliegen die Frauen schließlich los und bekommen ihr „Landing Visa“ am Teheraner Flughafen. Dass die Begegnung von der riesigen Azadi-Arena ins kleine Ararat-Stadion verlegt wird und nicht beworben werden darf, ist da nur noch Nebensache. Die Tribünen füllen sich an diesem Apriltag mit mehr als tausend Iranerinnen. Und die feiern wie Fußballfans überall auf der Welt – mit Fangesängen, Freudentänzen und Sprechchören. Umso stürmischer, weil sonst sie es sind, die draußen bleiben müssen, wenn die Männer spielen. So viel Mut liegt in diesem Film, so viel Entschlossenheit, so viel Hoffnung auf Veränderung. Am Tag danach schreibt die reformorientierte Tageszeitung „Shargh“ („Osten“), die strengen Sittenwächterinnen hätten nichts ausrichten können. Und: „Zum ersten Mal war es ein Nachteil, Mann zu sein.“

„Football Under Cover“ beginnt und endet mit Niloofar Basir, die auf einem Sandplatz allein den Ball ins zerfetzte Tornetz schießt, immer und immer wieder. Bis die Jungs kommen und sie das Feld räumen muss. Und jetzt, fünf Jahre später, scheinen die Frauen kaum einen Schritt weiter zu sein. Während die Männer sich von 100.000 Fans im Azadi-Stadion feiern lassen, spielen die Frauen selbst internationale Begegnungen vor ein paar hundert Zuschauerinnen. Während in anderen Sportarten die muslimische Frauenkleidung akzeptiert ist, hat der Weltfußballverband die Iranerinnen gerade erst von der Olympiaqualifikation ausgeschlossen. Anders als Syrerinnen oder Jordanierinnen können es sich die Iranerinnen allerdings nicht aussuchen, ob sie kurzärmelig oder im Hidschab spielen. Die Fifa spricht von Verletzungsgefahr, das Mullah-Regime pocht auf den Islam. Marlene, die Linksverteidigerin, hat auf dem Spielfeld selbst erlebt, wie unpraktisch die Schleier sind. Das sei aber kein Grund, die Mannschaft auszuschließen. Vielmehr wäre es „für die Fifa eher möglich, die Regeln zu lockern“, glaubt die 29-jährige. Ihre Freundin Niloofar ist fassungslos: „Das ist so unfair, monatelanges Training, alles umsonst.“

Dabei hatte der Iran schon 1968 eine weibliche Nationalelf, noch vor Deutschland. Mit der Iranischen Revolution 1979 wurde den Frauen vieles verboten, auch das Fußballspielen. Heute gibt es im Iran rund 60 Damen-Teams, vor allem an Schulen und Universitäten in der Hauptstadt. Nach Schätzungen spielen 30.000 Frauen Fußball, meist in der Hallenvariante Futsal, abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Bei Tejarat Khane Jonoub, Champion seit 2009, trägt Niloofar die Trikotnummer 12.
Seit Anfang Mai ist sie nun in Deutschland und trainiert mit einem Team aus Berlin und Brandenburg für die kleine WM – das Frauen-Fußball-Kulturfestival „Discover Football“. Hier genießt sie eine Freiheit, die für uns alltäglich ist. Muss sie sich in Teheran komplett verhüllen, läuft sie hier im blauen T-Shirt, kurzen Jeans und Turnschuhen herum. Wie viele andere junge Iraner will sie ins Ausland, am liebsten nach Kanada. Auch mit Studium sei es schwierig einen Job zu finden, erzählt Niloofar. Ein bisschen Geld verdient sie mit dem Fußballspielen, aber für eine eigene Wohnung reicht es nicht.
In Teheran wird die 26-Jährige manchmal noch auf den Film angesprochen. Der durfte zwar weder in den Kinos noch im iranischen Fernsehen laufen, kursierte dafür auf DVD und wurde von der BBC über Satellit ausgestrahlt. Internetsperren wissen die Iraner ebenfalls zu umgehen und surfen über Proxyserver auf verbotene Seiten, zu denen auch Facebook oder Twitter gehören. Über solche sozialen Netzwerke hält Niloofar Kontakt zu ihrer Freundin Marlene in Berlin. Die lernt seit Beginn der Dreharbeiten Persisch und reist immer wieder nach Teheran, zuletzt im März. Es war anders als noch vor zwei Jahren, zum Beginn der Grünen Revolution, als Hunderttausende auf die Straße gingen. Jetzt sind viele resigniert und haben Angst, offen ihre Meinung zu sagen. Und so beantwortet auch Niloofar Nachfragen mit einem Satz: „Tut mir leid, aber ich will wieder zurück.“
Mit einem Klick auf den Playbutton können Sie sich den heutigen Tagessegen ansehen.
Quelle: www.kirche.tv
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