Ihre Freiheit liegt auf dem Platz

Von Susanna Hoke

Hadisa hört gern Justin Bieber oder Linkin Park, mag Sciene-Fiction-Filme und die TV-Serie „Hannah Montana“, spricht sechs Sprachen, darunter Arabisch und Englisch und hat einen Facebook-Account. Hadisa Wali kickt auch im Mittelfeld der afghanischen Fußballnationalmannschaft – und dass sie das tut, macht die 19-Jährige zu einer Kämpferin für Frauenrechte in einem Land, in dem Gleichberechtigung nur auf dem Papier existiert.

Hadisa lebt in der Hauptstadt Kabul und ist eines von rund 600 Mädchen, die in afghanischen Vereinen kicken. Zu ihrem Alltag gehören Selbstmordattentate ebenso wie die hohen, mit Stacheldraht bewehrten Mauern rings um den staubigen Sportplatz der Isaf-Schutztruppe. Überwacht von Sicherheitskräften und von den Blicken Fremder abgeschirmt können die jungen Frauen dort trainieren – gekleidet in lange Trainingsanzüge und Kopftücher, die nur Hände und Gesicht unverhüllt lassen. Manche haben den Schleier gegen ein Basecap eingetauscht oder lassen ihn ganz weg. Das Feld ist eigentlich zu klein für das Spiel Elf gegen Elf, und nebenan landen hin und wieder Nato-Hubschrauber. „Aber das Militärcamp ist für uns der einzig sichere Platz“, sagt Hadisa. Zwei- bis dreimal die Woche steigt sie in den Bus und fährt eine halbe Stunde quer durch Kabul zum Training. Im Nationalteam spielen nur Mädchen aus der Hauptstadt. Zu unsicher wäre die Anfahrt aus den Provinzen. Aber auch dort gibt es Vereine, in Kandahar, Kundus, Jalalabad oder Herat.

„In Kabul ist es relativ sicher, wenn auch nicht wirklich gut. Es gibt immer wieder Explosionen, Autobomben, aber das ist normal“, diesen Satz hat Hadisa vor einem Jahr in Berlin gesagt, beim Frauen-Fußball-Kultur-Festival „Discover Football“ auf dem Sportplatz am Anhalter Bahnhof, und er ist heute noch genauso wahr. Die junge hübsche Frau, die ihr langes schwarzes Haar hinten zusammengebunden hat, wirkt ebenso reif wie unbekümmert. Reif, wenn sie von den Problemen der Fußballerinnen erzählt: „Ich wurde nie diskriminiert deswegen, aber ich bin auch besonders vorsichtig. Freundinnen von mir sind auf dem Weg zum Training schon angefeindet worden.“ Hadisa stammt aus einer gebildeten Familie, die während des Taliban-Regimes ins benachbarte Pakistan flüchtete. Da war sie noch ein Kind. Zehn Jahre her sind die Zeiten, als Mädchen nicht zur Schule gehen und Frauen nur in Begleitung ihrer Männer und unter einer Burka verhüllt auf die Straße durften. Aber auch heute noch verstecken manche ihrer Teamkolleginnen ihre weiß-roten Trikots, Fußballschuhe und Stutzen lieber vor den Nachbarn, manche Eltern verbieten ihren Töchtern den Sport, aus Angst vor radikalen Islamisten. Konservative Arbeitgeber drohen Fußballerinnen mit Versetzung in die Provinz oder gar Entlassung. Hadisa musste solche Widerstände nicht am eigenen Leib erfahren, sie sagt: „Meine Eltern haben mir Mut gemacht.“ Sie ist eines von sieben Geschwistern, ihre Schwester Maihan ist Kapitän der Damen-Nationalmannschaft im Basketball. Und wenn sie über Fußball spricht, dann wird sie zur unbekümmerten jungen Frau, die für Xavi Hernández und Cristiano Ronaldo schwärmt und von der Weltmeisterschaft träumt.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, politisch wie sportlich. Die afghanische Frauen-Nationalelf rangiert auf dem letzten Platz der Weltrangliste und hat bislang nur Freundschaftsspiele absolviert. Ihr größter Erfolg war der zweite Platz bei der Meisterschaft in Pakistan 2007. Beim „Discover Football“-Turnier verloren die Mädchen fast jedes Match. Gewonnen haben sie dafür viele neue Freundinnen in Berlin, Zimbabwe, Israel oder Palästina. Und die Freiheit, in der Öffentlichkeit zu spielen: Afghanistans Frauenfußball existiert hinter verschlossenen Türen, bei Turnieren dürfen meist nur Frauen zusehen, oder Männer, die zur Familie oder zum Verband gehören.

Die Begeisterung für das runde Leder hat Hadisa vor sieben Jahren gepackt. So lange fördert der Deutsche Fußball-Bund gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt, dem Deutschen Olympischen Sport-Bund und dem Weltverband Fifa die Integration der Frauen in den Sport. Seit vier Jahren gehört sie zur Nationalelf. Als Chefin des Frauenfußballkomitees hat sie Schulmeisterschaften organisiert und Frauenmannschaften an Universitäten gegründet, war selbst Trainerin und Schiedsrichterin. Ihr WM-Favorit ist Brasilien, sie bewundert Weltfußballerinnen wie Marta Vieria da Silva und Birgit Prinz. Zurzeit macht sie ihren High-School-Abschluss in den USA, danach will sie mit einem Stipendium aufs College. Aber Ende Juni kommt die Spielerin erst einmal mit ihrem Team wieder nach Berlin, zu „Discover Football“, der „kleinen WM in Kreuzberg“.

Aktueller Tagessegen

Mit einem Klick auf den Playbutton können Sie sich den heutigen Tagessegen ansehen.
Quelle: www.kirche.tv

Die Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz möchte Frauen in ihren verschiedenen Lebenssituationen und Lebensphasen ansprechen.

Gebete & Impulse der Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz