Verführung zum Leben

„Wir wollten einfach nur spielen“

Die Frauen-Weltmeisterschaft in Deutschland

Von Joachim von Soosten

Pure Lebensfreude. Vom Hof dringen Geräusche an mein Fenster. Ein Ball hallt nach. Mal hart mal leise getreten. In unregelmäßigen Takten trifft er auf. Stimmen mischen sich in diese Musik. Zurufe, Anrufe, kleiner Jubel, schwere Schmerzen. Weiter und immer weiter. Ich bekomme Lust mitzumachen. Wenn es nicht zu peinlich wäre. Mir und den anderen. Nils ist dabei, Tina ist mittenmang, Murad und Connie Sonny mühen sich, Matthäus und Hülya bolzen, was das Zeug hält. Wo die sich wohl gefunden haben? Mitmachen höre ich. Etwas gemeinsam machen. Davon geht der Reiz aus. Es kommt auf gar nichts an. Komm mal mit, schau Dir das mal an, mach mal mit. Zusammen sich begeistern am Spielen. Dabei spiele ich viel. Ich spiele auf Beruf und Erwerb. Im Aktionsraum meiner Chancen. Mit dem Risiko, das ich mich am Schreibtisch vergrübele. Raus aus Deiner Bude. Das selbstvergessene Spielen auf dem Hof nimmt mich unversehens mit: in eine Welt von Fest. Heraus gefallen aus der Zeit. Feste sind wie Nischen, so sagt der Religionsexperte Charles Taylor. Feste, so bemerkt er, sind Zwischenräume in unserer Welt, in der das Weite in unser Leben eindringen kann, auch wenn dieses Leben ganz im Sinne einer engen Ordnungsvorstellung organisiert ist.

Zeit, dass sich was dreht. Dann verspringt der Ball und nimmt seinen eigenen Weg. Im rechten Moment abspielen. Oder selbst am Ball bleiben. Umschalten. Und dann bleibt einer allein mit dem Ball und weiß nichts mit ihm anzufangen. Wir machen die Räume eng. Der Doppelpass legt uns lahm. Immer sind Überraschungen dabei; nichts ist wirklich komplett auszurechnen. „Wir spielen mit etwas und etwas spielt mit dem Spielenden.“ (Frederik J.J.Buytendijk) Manchmal wird das Spiel zum Tanz. Wenn alles sinnvoll ineinander greift. Wenn sich alles dreht. Die Lust am Spielen kann geradezu euphorisch machen. Euphorie, so sagt das Wort, ist eine Stimmung, eine Gestimmtheit, die sich einstellt, wenn sich das Schwere in unserem Leben in etwas leicht zu tragendes verwandelt. „Phoros“ heißt Abgabe, Tribut oder Last. Wir zahlen schon genug am Leben. Im Spielen werden wir leicht, eben: euphorisch. Das ist das Mitnehmende am Spielen. Natürlich pendelt alles zwischen Sieg oder Niederlage. Immer zwischen „Unabsteigbar“ und „Unaufsteigbar“. Freude und Schmerz, Höhen und Tiefen liegen nahe beieinander. Das gehört dazu. Aber dazwischen liegt das Spielen selbst. Pure Lebensfreude. Das macht Lust auf Leben. Warum dieses Duell dann doch noch und wider Erwarten ein richtig gutes Spiel gewesen sei, will ein Reporter wissen. Ganz einfach, sagt die Spielerin, wir wollten einfach nur spielen.

Lob des Eros. Der bringt alles durcheinander, mischt alles miteinander. Freilich höre ich Fragen: Sollten Frauen, mit Verlaub, nicht doch besser ihren „Ehrgeiz darauf verwenden, endlich den Chefposten bei Daimler Benz zu ergattern?“ „Warum sollten sich Frauen an dem Vergnügen beteiligen, aus dem Chaos des Zufalls ein geschlossenes Sinnsystem zu errichten?“ So fragen die Frauen selbst. Aber was heißt hier geschlossenes Sinnsystem? Geschlossene Sinnsysteme haben wir schon genug. Die alten Reservate der Männlichkeit, die Kampfzonen der Arbeit am Körper, die feministischen Gefilde weiblicher Emanzipation. Geschlossene Systeme sind wie schlechter Sex. Raus und rein. „Dann habe ich ihn einfach reingetan.“ Im Spiel, in der Freude an der Bewegung und der Lust am Spielen dagegen kann vieles offen bleiben. Und genau darin erhält sich die schöne Kunst der Erotik am Leben. In allen Farben. Sport und Fußball bieten keine Hilfe zum Leben. Vielleicht verhelfen sie dazu, mit den Herausforderungen des Lebens spielerischer umzugehen. „Spielen heißt, sich ein Leben vorstellen.“ (Judith Hermann). Die Verführung zum Leben aber beginnt mit der Lebensfreude. Insofern ist Spielen ein starkes Stück Leben, Quelle und Geist, aus denen wir leben.

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Quelle: www.kirche.tv