Fußball wirkt Wunder in einem Hilfsprojekt für gefährdete Jugendliche

Wir holen dich da raus

Von Jörg Nowak


Michael Golden (Name geändert) war 13 Jahre, als ihn sein Onkel zu einem Banküberfall mitnahm. Der Junge sollte auf die Karriere in einer berüchtigten Gang vorbereitet werden. Dank des missio-Hilfsprojekts in Kapstadt konnte er der Armut und Kriminalität entfliehen. 


Das Risiko, Opfer eines Verbrechens zu werden, ist in kaum einem Land der Welt so hoch wie in Südafrika. Gerade in Kapstadt prallen die Erste und sogenannte Dritte Welt aufeinander. Auf der einen Seite gläserne Wolkenkratzer, Fünf-Sterne-Hotels und Autohäuser mit italienischen Sportwagen, wenige hundert Meter weiter hausen die Frauen, Kinder und Männer unter Wellblechstücken und Pappe, kämpfen Straßenkinder ums Überleben.

Michael Golden kennt dieses Milieu. „Meine Kindheit war glücklich“, sagt er, „wenn da nicht mein Onkel gewesen wäre.“ Eigentlich bewunderte er ihn, weil er ein Auto besitzt, und freute sich immer, wenn er ihn auf eine Spritztour mitnahm. Bis zu jenem Tag, als sie wieder einmal durch Kapstadt fuhren. Als der Onkel den Wagen vor einer Bank parkte, sagte er nur: „Michael, warte hier im Auto auf mich“.  Er wird bestimmt nur schnell Geld abholen, denkt sich der Teenager. Dann schrillte der Alarm, sein Onkel ranntt aus dem Bank, riss die Wagentür auf und gab Gas. Eine halbe Stunde dauerte die Raserei, dann setzte er seinen Neffen zu Hause ab. Tage später hat ihn die Polizei gefunden. Die Mutter weinte, der Vater schimpfte: „Was hast du angestellt!!!“ Der 13-Jährige wurde in Handschellen abgeführt.

Michael wurde in eine Zelle mit sieben Häftlingen gesteckt. Hier gilt das Recht des Stärkeren. „Wer bislang nicht kriminell war, wird es in südafrikanischen Gefängnissen“, sagen Insider. Michael hat Glück.

Während sein Onkel zu 15 Jahren Haft verurteilt wird, kommt er wieder auf freien Fuß. Doch nichts war wie vorher. Es gab Streit zu Hause, Michael schwänzte die Schule, haute von seinen Eltern ab und endete als Straßenkind.  „Ich habe um Essen gebettelt und die meisten Menschen haben mich wie der letzte Dreck behandelt.“  Besonders schwierig war es, einen sicheren Schlafplatz zu finden. Denn überall tauchten die Gangs auf, die in Kapstadt ihre Reviere aufteilen. „Wenn ihr bei uns mitmacht, seid ihr sicher und wir tun euch nichts “, sagen sie den Straßenkindern. Die Gangs brauchen die Minderjährigen als Drogenkuriere.

Wenn sie älter werden, werden sie bei Überfällen eingesetzt. An einem jener Wintertage, an denen es nach Sonnenuntergang selbst in Kapstadt frostig kalt wird, erhielt Michael unerwartet Hilfe. Es war John, ein Streetworker des Salesianer-Ordens, der ihm nicht mit frommen Sprüchen kam, sondern mit einer warmen Decke. In den nächsten Wochen schaute John regelmäßig vorbei, und schließlich lud er Michael zum Fußballspielen ein.

Fußball ist ein Wundermittel bei vielen Hilfsprojekten in Südafrika, um Straßenkinder und Jugendliche in Gangs anzusprechen und sie zum Ausstieg zu bewegen. Michael wußte: Dies war seine einzige Chance, wenn er nicht auf der Straße oder im Gefängnis enden will. Sie trafen sich mehrmals zum Kicken. Nach einigen Wochen erhielten Michael und einige andere Jugendliche das Angebot, für 10 Tage in ein Feriencamp der Salesianer zu kommen.

„Wir wollen den Jungs die Chance geben, darüber nachzudenken, was sie wirklich wollen. Wer unser Angebot annimmt, den holen wir mit vereinten Kräften da raus“, erläutert Nelly Burrows, die ebenfalls für das missio-Projekt der Salesianer arbeitet. Michael nutzte die Chance ebenso wie zwei Jugendliche, die durch Tattoos lebenslänglich als Mitglieder der brutalen Gang „Americans“ gekennzeichnet waren. Sie ließen das Brandzeichen durch größere Tätowierungen übermalen und stiegen ebenfalls aus.

Dann zogen die Jugendlichen in das Wohnheim der Salesianer ein. Sie holten die Lektionen aus der Schule nach und begannen eine handwerkliche Berufsausbildung.

Nelly Burrow von dem Salesianer-Projekt und die ehemaligen Gangmitglieder, die hier eine Chance erhalten.

„Am Anfang fällt es den Jugendlichen nicht leicht, sich an die Regeln zu halten“, berichtet Nelly Burrows über das 18-monatige Programm. Aber bislang kam es nur einmal zu einem Zwischenfall, als einer der Jugendlichen einen Mitarbeiter mit einem Messer bedrohte.

Nelly Burrows hat die Erfahrung gemacht, dass es außerhalb des Projektes oft gefährlicher ist als bei der Arbeit mit den Jugendlichen, die eine Chance erhalten. Sieben Mal wurde die 45-Jährige Opfer eines Verbrechens. Die Ursache, warum das Land zu einem der weltweiten Spitzenreiter in puncto Gewalt und Kriminalität geworden ist, sieht Nelly Burrows in dem moralischen Verfall der Gesellschaft. „Vor über zehn Jahren wurden Religion und Sport in den Schulen als Pflichtfächer abgeschafft. Nach meiner Einschätzung begann damals die Auflösung der Werte, und die Kriminalitätsrate steigt seitdem.“

Genau darum bilden das Fußballspielen und die Glaubensangebote in dem missio-Projekt eine so wichtige Rolle für die Jugendlichen. Statt rumzuhängen und auf dumme Gedanken zu kommen, powern sie sich beim Kicken aus und lernen Teamgeist. „Das Spirituelle ist wichtig für sie“, weiß Nelly Burrows. „Denn sie suchen nach ihrem Sinn im Leben und können viel Kraft aus dem Glauben schöpfen, anstatt den Drogen zu verfallen.“

Wenn die harten Jungs, darunter Christen und Muslime, sich jeden Mittwoch zum Gebetskreis treffen, dann wird ihr weicher Kern sichtbar. Und der heute 24-Jährige Michael, der sich durchs Leben geboxt hat, betet dann für eine bessere Zukunft. Inzwischen hat er seine Ausbildung absolviert, verdient seinen Lebensunterhalt in einer Druckerei und träumt von einer Familie mit Kindern.
Für Touristen, die Südafrika bereisen, hat Michael noch einen Insider-Tipp. „Ich kenne die Typen, die den Ausländern auflauern und sie verfolgen, wenn sie gerade in der Bank Geld gewechselt haben. Schleppt nicht immer eure Wertsachen mit euch rum, wedelt nicht mit Kreditkarten und passt auf, ob ihr nicht beobachtet werdet“, rät er. "Seid nicht unvorsichtig, dann ist Südafrika ein wunderschönes Land.“

Dieser Beitrag wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt von missio Aachen.

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Quelle: www.kirche.tv