Gastfreundschaft

von Petra Leigers

Petra Leigers ist Bundesvorsitzende der Berufsgemeinschaft der Pfarrhaushälterinnen - Bundesverband und seit 1993 Pfarrhaushälterin in der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Aus der Kindheit erinnere ich mich: Sonntags kommt Besuch. Heute mache ich oft diese Erfahrung: Wenn Besuch kommt, ist Sonntag! Deswegen freue ich mich auf die Zeit der Fußball-WM der Frauen, denn durch die vielen Besucher und Besucherinnen aus aller Welt, aus den verschiedenen Religionen und Kulturen werden die Tage zum Sonntag.

Der Sonntag ist für uns Christen und Christinnen der Tag des Herrn, Tag des neuen österlichen Lebens, zu dem er uns einlädt.

Immer wieder entdecke ich, dass ich durch die Ankunft eines Besuchers, einer Besucherin eine neue Perspektive geschenkt bekomme. Da interessiert sich jemand für meine Lebensweise. Ich erzähle von mir, meiner Umgebung und sehe mich in den Augen der Gäste, denen ich meine Aufmerksamkeit schenke. Und ich höre zu und hoffe, dass sich meine Gäste auch in meinen Augen wiederfinden. Gastfreundschaft als Voraussetzung von Begegnung erweitert unseren Horizont. Der Gast sucht meine Welt auf und dementsprechend eröffnen sich mir die Lebensverhältnisse der Besucherinnen und Besucher. Die „Tore“ der Gastfreundschaft sind also die Treffer des Austausches, wenn die Einladenden und die Eingeladenen den Ball des Lebens einander vortrefflich zuspielen.

Ich selbst bin von Beruf Pfarrhaushälterin. Für uns ist Gastfreundschaft wichtig, weil wir im Pfarrhaus für das Wohlbefinden aller sorgen, die da ein- und ausgehen. Für die Menschen, die das Pfarrhaus aufsuchen, möchten wir zuverlässig da sein. Sauberkeit und einladende Ordnung laden ein, sich niederzulassen. Dazu gehören helle und freundliche Farben, ein ansprechender Blumenschmuck und Kunstwerke, welche an Gemeindemitglieder erinnern oder die Geschichte der Pfarrei vergegenwärtigen.

Mit persönlichen Worten empfangen wir die Gäste, auf den ersten Blick sehen sie, dass sie willkommen sind. Essen und Trinken mit frischen Zutaten aus der heimatlichen Landschaft bringen die örtliche Natur auf den Tisch und ins Gespräch. „Kommt und ruht euch ein wenig aus“ (vgl. Mk 6,31), sagte Jesus einmal zu seinen Jüngerinnen und Jüngern. Als Pfarrhaushälterinnen fühlen wir uns diesem Wort unseres „Dienstherrn“ verpflichtet.

Ausgeruht, gestärkt und erfrischt, ausgestattet mit neuen Ideen, Einsichten und Eindrücken soll ein Gast uns in Erinnerung behalten. Und uns selbst geht es ähnlich – Gespräche erweitern unseren Horizont, neue Einsichten und Eindrücke eröffnen eine neue Weite.

Wir vertrauen auch dem „Schiedsrichter“, demjenigen, der auf Fairness achtet, damit die „Ballberührung“ immer diesen Toren der Gastfreundschaft dient. Es zählen eigentlich nicht die Tore, sondern die Freundschaften, die durch das Spiel mit dem runden Ding entstehen. „Der Mann in Schwarz“ ist im übertragenen Sinn „der Mann in Weiß“, der mitten unter den Menschen – oft unerkannt – die Tage sonntäglich macht.

Er hat während seines Erdenlebens immer die Menschen  zuerst zu sich eingeladen und ihnen Gastfreundschaft angeboten. Diese „Vorgehensweise“ Jesu Christi ist uns Vorbild. Durch ihn entstand die bleibende Freundschaft zwischen Gott und Mensch. In der Gastfreundlichkeit der Frauen-Fußball-WM erblüht in diesem Sinn Herzlichkeit und Menschenliebe.

„Komm, wir machen Sonntag!“, heißt für uns also, gastfreundlich dafür zu sorgen, dass sich jeder Besucher und jede Besucherin wohlfühlt. Die bunte Vielfalt der Menschen aus allen Ländern der Welt und das internationale Flair hat viele „Tore“ verdient. Gastfreundlichkeit ist das Alpha und Omega auf dem weiten Spielfeld dieser Erde. Bleibende Freundschaft hat ihren Ursprung in der Gastfreundschaft. Diesen Ball lassen wir gerne ins Tor!

Arbeitsstelle für Frauenseelsorge
der Deutschen Bischofskonferenz

Kaiser-Friedrich-Str. 9
53113 Bonn
(02 28) 2439-411

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Quelle: www.kirche.tv